6. November 2026

Japan im Wandel

Der japanische Aktienmarkt wird zunehmend von strukturellen Veränderungen geprägt. Moritz Rehmann, Fondsmanager und Analyst bei der DJE Kapital AG, sieht hinter der Entwicklung seit 2023 höheres nominales Wachstum, ein verändertes Inflationsregime und eine effizientere Kapitalallokation. Gleichzeitig erhöhen steigende Zinsen den Druck auf Bewertungen und Finanzierungskosten. Entscheidend wird damit, ob Gewinnwachstum, Kapitaldisziplin und bessere Corporate Governance die strukturelle Neubewertung tragen können.

JPX-Reformen: Kapitalallokation rückt in den Mittelpunkt

Moritz Rehmann, Fondsmanager und Analyst bei der DJE Kapital AG

Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Aufwärtsphasen liegt in den Reformen der japanischen Marktinfrastruktur. Die Tokyo Stock Exchange ordnete 2022 ihre Segmente neu und forderte Unternehmen ab 2023 stärker dazu auf, Kapitalkosten und Aktienkurs bei strategischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Unternehmen der Segmente Prime und Standard sollen Kapitalrendite und Kapitalkosten analysieren, Verbesserungspläne veröffentlichen und deren Fortschritt regelmäßig mit Investoren diskutieren.

Seit April 2026 gelten verschärfte Anforderungen. Sie betreffen unter anderem mittel- bis langfristige Strategien, die Verknüpfung von Kapitalverwendung und Wachstumszielen, Portfoliooptimierung sowie eine stärkere Überwachung auf Vorstandsebene. Im Juli 2026 wurde der Governance-Code von 83 auf 30 Prinzipien gestrafft. Zugleich steigt die Bedeutung unabhängiger Verwaltungsratsmitglieder und leistungsabhängiger Vergütungssysteme. 2026 hatten 84,5 % der an der Tokyo Stock Exchange notierten Unternehmen eine an Anreize gekoppelte Vergütung eingeführt, bei 50,7 % war diese explizit leistungsabhängig; im Prime-Segment lag der Anteil bei 72,7 %.

Auch die Indexstruktur verändert sich. Der TOPIX wurde von rund 2.200 auf 1.638 Unternehmen verkleinert und soll bis Juli 2028 schrittweise auf 1.050 Titel reduziert werden. Gleichzeitig nehmen Überkreuzbeteiligungen weiter ab, während Aktienrückkäufe, Dividenden, Fusionen und Übernahmeangebote zunehmen. Neue Kapitalströme unterstützen diese Entwicklung: Bis Juni 2026 lagen die Bestände im NISA-System bei rund 81,9 Billionen Yen in etwa 30 Millionen Konten. Ausländische Anleger kauften zwischen Januar und Juli 2026 per Saldo japanische Aktien für 10,1 Billionen Yen.

Inflation und Zinsen: Vom Sonderfall zur Normalisierung

Japan bewegt sich zunehmend aus der langjährigen Deflationslogik heraus. Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ist seit Ende der 1990er-Jahre von rund 86 Millionen auf etwa 73,53 Millionen Menschen im Jahr 2025 gesunken, während die Zahl der über 65-Jährigen auf rund 36 Millionen gestiegen ist. Der dadurch zunehmende Arbeitskräftemangel unterstützt höhere Löhne und Investitionen in Automatisierung.

Die Basislöhne stiegen laut RENGO zwischen 2024 und 2026 um rund 3,0 bis 3,5 %, die regulären Lohnerhöhungen insgesamt um etwa 5,0 bis 5,5 %. Gleichzeitig bewegte sich die Kerninflation etwa zwischen 2,5 und 3,5 %. Höheres nominales Wachstum verbessert die Umsatzbasis, erleichtert Preiserhöhungen und erhöht den Anreiz für produktive Investitionen. Der Arbeitskräftemangel fördert zudem Automatisierung und den Einsatz künstlicher Intelligenz, wovon insbesondere Industrieautomation, Komponentenhersteller, Halbleiterausrüster sowie ausgewählte Infrastruktur- und Energieunternehmen profitieren könnten.

Steigende Zinsen sind jedoch die Kehrseite dieser Normalisierung. Sie erhöhen Finanzierungskosten und Diskontierungssätze und erschweren eine pauschale Neubewertung des Aktienmarktes. Seit 2023 lag das durchschnittliche nominale BIP-Wachstum bei 4,3 %. Historisch entwickelten sich Aktien besonders dann positiv, wenn das nominale Wachstum über der Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen lag und die Gewinnrendite etwa doppelt so hoch war wie die Rendite langfristiger Staatsanleihen.

Steigen die Staatsanleiherenditen schneller als das nominale Wachstum oder geraten Gewinnschätzungen unter Druck, verliert dieser Bewertungsanker an Wirkung. Besonders anfällig wären Unternehmen, deren Gewinne weit in der Zukunft liegen oder die Gewinne nur schwach in Cashflow umwandeln. Banken, Versicherer und Teile des Finanzsektors können dagegen von höheren Zinsmargen profitieren. Unternehmen mit robusten Bilanzen, Preissetzungsmacht und hoher Kapitaldisziplin können steigende Finanzierungskosten ebenfalls besser verkraften.

Staatliche Investitionsagenda: ein weiterer struktureller Treiber

Die Regierung Takaichi kündigte an, dass bis zum Fiskaljahr 2040 öffentliche und private Investitionen von insgesamt 370 Billionen Yen in 17 strategische Felder fließen sollen. Dazu zählen unter anderem physische KI und Robotik, Halbleiter, Cloud- und Rechenzentren, Cybersicherheit, 5G/6G, optische Netze, Quantenanwendungen, Verteidigung, moderne Werkstoffe, Biotechnologie, Energie- und Versorgungssicherheit sowie Weltrauminfrastruktur.

Die Größenordnung dieser Programme erhöht die langfristige Planungssicherheit und kann zusätzliche Nachfrage in mehreren Industrie- und Technologiesegmenten schaffen.

Saisonalität: taktischer Faktor, kein Anlageargument

Saisonale Muster können kurzfristig eine Rolle spielen. In industriellen Erholungsphasen mit steigenden Zinsen zeigte der japanische Aktienmarkt über den Sommer häufig höhere Schwankungen und stabilisierte sich typischerweise ab Ende September.

Für die weitere Entwicklung sind jedoch vor allem die Renditen japanischer Staatsanleihen, Gewinnrevisionen und die globale Industriekonjunktur entscheidend. Saisonale Effekte bleiben damit eher ein taktischer Faktor als ein langfristiges Anlageargument.

Gewinne, Bewertung und Kapitalallokation

Japanische Unternehmen erzielten im Geschäftsjahr bis März 2026 zum fünften Mal in Folge Rekord-Nettogewinne. Der Trend der Gewinnrevisionen im TOPIX blieb 54 Wochen positiv. Laut Schätzungen soll der Gewinn je Aktie des TOPIX von 208,4 für März 2026 auf 239,0 im März 2027 und 269,6 im März 2028 steigen.

Auch die Profitabilität hat sich verbessert. Die zwölf Monate vorausblickende Eigenkapitalrendite des TOPIX lag 2026 bei rund 10,5 %, verglichen mit etwa 8 bis 9,5 % vor der Pandemie und zeitweise rund 7 % während der Pandemie. Gleichzeitig stieg die erwartete Nettomarge auf rund 8 %, nach etwa 4 % Mitte der 2000er-Jahre. Die höhere Eigenkapitalrendite beruht damit vor allem auf besserer Profitabilität und Preissetzung, nicht nur auf höherer Verschuldung.

Auch Dividenden und Aktienrückkäufe haben deutlich zugenommen. Die Dividenden stiegen laut JPX von rund 9 Billionen Yen im Geschäftsjahr 2014 auf 26 Billionen Yen im Jahr 2025 und 30 Billionen Yen 2026. Aktienrückkäufe erhöhten sich im selben Zeitraum von 3 auf 22 Billionen Yen und lagen 2026 bei rund 20 Billionen Yen. Das zeigt, wie stark sich die Kapitalallokation japanischer Unternehmen verändert hat.

Fazit: Reformen schaffen Substanz, Zinsen erhöhen die Ansprüche

Japanische Aktien profitieren von einer langfristigen Verbesserung der Corporate Governance und einer effizienteren Kapitalallokation. Gleichzeitig erhöhen steigende Zinsen die Anforderungen an Bewertungen, Finanzierung und Ertragskraft.

Damit dürfte die weitere Entwicklung weniger von einer pauschalen Neubewertung des Gesamtmarktes abhängen als von der Qualität einzelner Unternehmen. Entscheidend sind Preissetzungsmacht, Bilanzqualität, Kapitaldisziplin sowie die Fähigkeit, Investitionen in nachhaltiges Gewinnwachstum und freien Cashflow umzuwandeln.

Finanzwerte können von höheren Zinsmargen profitieren. Arbeitskräftemangel und Investitionsbedarf stützen Industrieautomation, Digitalisierung, Halbleiterausrüstung sowie ausgewählte Infrastruktur- und Energieunternehmen. Hoch bewertete, zinssensitive Geschäftsmodelle und Unternehmen ohne überzeugenden Plan zur Steigerung der Kapitalrentabilität bleiben dagegen anfälliger. Die Japan-These verschiebt sich damit von einer allgemeinen Markterneubewertung hin zur Frage, welche Unternehmen die strukturellen Veränderungen tatsächlich in höhere Erträge und effizientere Kapitalallokation übersetzen können.

DJE/IJ

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