Heißer Winter für Europas Gasmarkt
Europas Gasmarkt steht vor einem angespannten Winter. Anfang September stieg der Gaspreis auf knapp 74 Euro je Megawattstunde und damit auf den höchsten Stand seit 2023. Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE, sieht mehrere Faktoren, die für länger anhaltend hohe Preise sprechen – mit Folgen für Inflation, Zinsen und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie.

Gaspreis in Europa steigt
Seit Jahresbeginn 2026 folgt der europäische Gaspreis einem deutlichen Aufwärtstrend und liegt inzwischen über den Prognosen einiger Institutionen, darunter der Europäischen Zentralbank. Damit könnte auch die Inflation stärker ausfallen als bislang angenommen und der Druck auf die Zinsen steigen.
Ein wesentlicher Grund ist die weiterhin unsichere Lage an der Straße von Hormus. Vor dem Konflikt zwischen Iran und den USA wurden rund 20 % des weltweiten LNG-Handels durch die Meerenge transportiert. Zusätzliche Produktion in anderen Regionen gleicht nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur lediglich rund 75 % der ausgefallenen Mengen aus. Auch bei einer dauerhaften Wiederöffnung bliebe die LNG-Produktion Katars zunächst eingeschränkt. Wichtige Anlagen wie der Komplex von Ras Laffan sind außer Betrieb, eine Normalisierung wird vor Beginn des Winters nicht erwartet.
Europas Speicher sind für den Winter zu schwach gefüllt
Zusätzlich liegen die europäischen Gasreserven deutlich unter ihrem üblichen Niveau. Anfang September waren die Speicher laut Gas Infrastructure Europe nur zu rund 65 % gefüllt, verglichen mit einem langfristigen Durchschnitt von etwa 88 %. Besonders angespannt ist die Lage in Deutschland, wo die Speicher nur knapp über 50 % gefüllt sind und die Industrie weiterhin stark von Gas abhängt.
Zu dem niedrigen Füllstand haben hohe Preise, Beschaffungsprobleme bei LNG aufgrund der Konkurrenz aus Asien und ein heißer Sommer mit höherem Gasverbrauch für die Stromerzeugung beigetragen. Auch die Wetterlage könnte den Druck weiter erhöhen: Ein starker El Niño könnte in Teilen des asiatisch-pazifischen Raums die Nachfrage nach Klimatisierung erhöhen und zugleich die Wasserkraftproduktion belasten. Damit würde sich der Wettbewerb um verfügbares LNG weiter verschärfen.
Gewinner und Verlierer eines angespannten Gasmarkts
Ein anhaltend angespannter Gasmarkt könnte die Inflation erhöhen und die Industrieproduktion belasten. Profitieren könnten laut Bienvenu unter anderem Kernkraft, erneuerbare Energien, Unternehmen im Bereich Elektrifizierung sowie US-Produzenten von LNG. Unter Druck geraten dürften dagegen insbesondere die europäische Chemie-, Düngemittel- und Stahlindustrie.
Neben dem Inflationsrisiko steht damit auch die Wettbewerbsfähigkeit Europas im Fokus. Während die USA beim Gas weitgehend selbstversorgt sind, bleibt Europa stark von LNG-Importen abhängig. Ein dauerhaft höheres Energiepreisniveau gegenüber den USA könnte die europäische Industrie weiter belasten. Nach der Energiekrise 2022 steht Europa damit erneut vor einer Bewährungsprobe.
LFDE/IJ