Neue Chancen durch Resilienz
Die Spannungen in der Straße von Hormus zeigen erneut die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von wenigen kritischen Routen, Lieferanten und Vorleistungen. Der Schock reicht über den Energiesektor hinaus und betrifft Düngemittel, Lebensmittel, Flugbenzin und Helium – mit Folgen für Landwirtschaft, Luftfahrt, Halbleiter und Gesundheitswesen. Covid-19, der Krieg in der Ukraine, höhere Zölle und die jüngsten Turbulenzen im Nahen Osten weisen in dieselbe Richtung: Resilienz wird zu einem strukturellen Anlagethema.

Die Straße von Hormus ist ein kritischer Engpass der weltweiten Energieversorgung. Eine schwere Störung des Schiffsverkehrs hätte jedoch weitreichende Folgen. Etwa ein Drittel der weltweit auf dem Seeweg transportierten Rohstoffe für Düngemittel wurde bislang durch die Meerenge befördert, darunter fast die Hälfte der weltweiten Harnstoff- und Schwefelvorräte sowie rund 30 % der Ammoniakexporte.
Höhere Düngemittelkosten können sich entlang der gesamten Lebensmittelkette auf Agrarpreise, Produktion und Verbraucherpreisinflation auswirken. Auch außerhalb der Golfregion ist die Düngemittelproduktion teilweise von regionalem LNG abhängig. In Indien sollen die Lieferungen an Düngemittelwerke um rund 70 % zurückgegangen sein; in Bangladesch haben fünf der sechs staatlichen Werke die Produktion eingestellt.
Auch Transport und Technologie sind betroffen
Raffinerien in der Golfregion sind wichtig für die weltweite Versorgung mit Flugbenzin. 2025 bezog Europa 53 % seines Flugkraftstoffs aus der Golfregion, weitere 16 % aus indischen Raffinerien, die Rohöl aus der Region verarbeiteten. Da Treibstoff rund 20–40 % der Betriebskosten von Fluggesellschaften ausmacht, können höhere Preise deren Erträge unmittelbar belasten.
Auch hochwertige, zeitkritische Lieferketten wie Elektronik und Pharmazeutika sind betroffen. Ein weniger offensichtlicher Engpass ist Helium: Rund ein Drittel des weltweiten Angebots wird über die Meerenge transportiert. Helium ist für Halbleiter, Gesundheitswesen sowie Luft- und Raumfahrt wichtig und schwer zu ersetzen. Große Chiphersteller wie Samsung und TSMC gewinnen jedoch 80–90 % ihres Heliums zurück und sind dadurch widerstandsfähiger als kleinere Wettbewerber.
Resilienz bedeutet daher nicht einfach größere Lagerbestände, sondern die Absicherung der entscheidenden Vorleistungen, Lieferanten und Transportwege.
Resilienz bedeutet nicht Rückzug
Die jüngsten Schocks bedeuten nicht zwangsläufig eine Rückkehr der Produktion in die Heimatmärkte. Der US-Lieferkettenindex stieg im Mai auf geschätzte 0,51 Punkte – den höchsten Wert seit September 2022, aber weiterhin unter den Extremwerten von 2021 und Anfang 2022. Gesündere Lagerbestände, geringerer Arbeitskräftemangel und flexiblere Beschaffung helfen, Störungen abzufedern.
Zölle haben Lieferketten zur Anpassung gezwungen, nicht zum Zusammenbruch. Chinas Anteil an den US-Wareneinfuhren sank entlang der Wertschöpfungskette um 4,7 Prozentpunkte, während Vietnam und Taiwan an Bedeutung gewannen. Mexiko entwickelte sich zu einem wichtigen Standort für KI-bezogene Produkte.
Lieferketten brechen daher nicht irreparabel auseinander – sie werden neu gestaltet.
Was dies für Investoren bedeutet
Unternehmen und Regierungen überdenken, wo produziert, wie Energie bezogen und wie kritische Vorprodukte gesichert werden. Dies könnte langfristige Investitionen in fortschrittliche Fertigung, Automatisierung, Logistik, Energiesicherheit, Infrastruktur und kritische Rohstoffe begünstigen.
Bei der Energieversorgung könnten LNG-Infrastruktur, Netzausbau, erneuerbare Energien und Kernkraft profitieren. Auch diversifizierte Produktionsstandorte in Schwellenländern könnten an Bedeutung gewinnen, wenn Unternehmen ihre Beschaffung regionalisieren und widerstandsfähigere Netzwerke aufbauen.
Für thematisch orientierte Anlege kommt es daher weniger auf kurzfristige Preisschwankungen als auf den strukturellen Wandel an. Chancen bieten Unternehmen, die globale Lieferketten flexibler, sicherer und widerstandsfähiger machen.
Aberdeen Investments/SJ