16. Juli 2026

Ikigai und KI

Japanische Unternehmen sind für die globale KI-Produktion kaum verzichtbar – viele verfügen über weitgehende Monopolstellungen, stehen jedoch kaum im Rampenlicht. Richard Kaye, der gemeinsam mit Chantana Ward die Comgest Growth Japan Strategie verantwortet, sieht darin einen wesentlichen Treiber des japanischen Aktienmarktes. Seit Jahresbeginn erzielte der Comgest Growth Japan eine Netto-Wertentwicklung von 30,4 % und lag damit 12,1 Prozentpunkte vor seinem Vergleichsindex TOPIX. Neben der verborgenen KI-Substanz wirken jedoch auch weitere strukturelle Kräfte.

Japan liefert, was die KI-Welt braucht

Richard Kaye, Portfoliomanager des Comgest Growth Japan
Richard Kaye, Portfoliomanager des Comgest Growth Japan

„Ohne Japan, keine KI“, bringt es Kaye auf den Punkt. Dahinter stehen meist unbeachtete Unternehmen, die mit Materialien, Komponenten und Spezialequipment die Grundlage für die globale KI-Produktion liefern.

Ajinomoto etwa, eigentlich ein Lebensmittelkonzern, stellt eine Verpackungstechnologie her, die in praktisch jedem High-End-KI-Chip steckt, und hat als Quasi-Monopolist Preissetzungsmacht. Kioxia, einer von wenigen Herstellern KI-relevanter NAND-Flash-Speicher, profitiert von der KI-Servernachfrage. Bekannter ist SoftBank, dessen KI-Beteiligungen der Markt lange unterschätzt hat, meint Kaye: Das Unternehmen hält rund 13 Prozent an OpenAI und etwa 90 Prozent an Arm. Der einst hohe Bewertungsabschlag auf seine Beteiligungen ist zuletzt spürbar geschrumpft – ein Hinweis darauf, wie sehr der Markt Japans Rolle im KI-Boom neu bewertet.

Japan kauft Japan

Der strukturelle Rückenwind kommt nicht nur aus der Industrie, sondern auch vom Kapitalmarkt selbst. Kaye spricht dabei nicht von einer Rally, sondern von einer Rückkehr: „Der wichtigste neue Käufer sitzt im Inland. Heimische institutionelle Investoren erhöhen ihre Aktienquote, die im internationalen Vergleich noch immer sehr niedrig ist. Der staatliche Pensionsfonds GPIF hat seinen Anteil japanischer Aktien in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut.“ „Steigt die heimische Aktienquote weiter an, hat der japanische Aktienmarkt noch deutliches Potenzial nach oben“, sagt Kaye.

Qualität, Widerstandsfähigkeit und Ikigai

Japans Unternehmen bieten über KI hinaus weitere strukturelle Wachstumstreiber. Chugai Pharmaceutical zählt zu Japans größten Onkologie-Anbietern und wächst zunehmend über sein globales Lizenzgeschäft sowie Spezialpräparate für Immunerkrankungen. Auch im Konsumsektor zeigt sich der Wandel: Fast Retailing, die Mutter der Marke Uniqlo, verzeichnet in Nordamerika und Europa zweistelliges Wachstum.

Verbunden sind diese Unternehmen durch das Umfeld, in dem sie groß geworden sind: Knappe Rohstoffe, Erdbebengefahr, IP-Diebstahl durch ausländische Wettbewerber und begrenzter Raum für rund 120 Millionen Menschen haben Japan zu einem „Krisenlabor“ gemacht, in dem über Jahrzehnte nur die anpassungsfähigsten Unternehmen bestehen. Kaye nennt sie in seinem aktuellen Investment Letter Japans „stille Compounder“.

Die Japaner nennen die Kraft, die aus diesen Bedingungen entsteht, „Ikigai“: die Motivation zum Durchhalten, eine über vier Jahrhunderte gewachsene Philosophie der Eigenständigkeit. Für Comgest ist das kein kulturelles Beiwerk, sondern ein Investmentprinzip. Unternehmen, die solche Bedingungen überstanden und ihren Cashflow immer wieder zu attraktiven Renditen reinvestiert haben, verfügen über dauerhafte Wettbewerbsvorteile, die sich nicht wegkalkulieren lassen.

Attraktiv bewertet trotz Rekordlauf

Trotz kräftiger Kursgewinne bleiben die Bewertungen moderat, besonders im Vergleich zu US-Aktien, die von derselben KI-Dynamik profitieren, aber deutlich höher bewertet sind. Zwischen 2021 und 2023 geriet der Fonds im Zuge der Rotation hin zu Value-Titeln unter Druck. Aus Kayes Sicht hat sich das Bild inzwischen gedreht: „Wir sind unserem Stil treu geblieben, unser Team ist so stabil wie selten zuvor, und die Peer-Group hat sich spürbar ausgedünnt.“ Auch durch die schwächeren Jahre hindurch hat der Fonds sein qualitatives Gold-Rating von Morningstar gehalten.

„Das Gewinnwachstum japanischer Unternehmen war über viele Jahre mindestens so gut wie das ihrer westlichen Konkurrenten. Jetzt kann Japan das auch offiziell belegen und der KI-Boom macht sichtbar, wie unverzichtbar dieses von Ikigai geprägte Ökosystem geworden ist“, fasst Kaye zusammen. Was jahrzehntelang verwurzelt war, ist jetzt bereit zu erblühen.

Comgest/IJ

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