US-Dominanz auf dem Prüfstand
Nach fast zwei Jahrzehnten außergewöhnlicher US-Outperformance sieht Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, die Zeit gekommen, die starke Gewichtung von US-Aktien kritisch zu hinterfragen. Zwar blieben die Vereinigten Staaten ein Markt mit hoher Innovationskraft, starker Kapitalproduktivität und führenden Unternehmen. Gleichzeitig sprächen hohe Bewertungen, eine starke Marktkonzentration, ein schwächerer US-Dollar und zunehmende Zweifel an der Nachhaltigkeit des KI-Investitionsbooms dafür, Portfolios nach Jahren extremer US-Dominanz wieder breiter aufzustellen.
US-Aktien dominieren globale Portfolios

US-Aktien machen inzwischen mehr als 60 Prozent des MSCI All Country World Index aus. Internationale Anleger seien dadurch häufig deutlich stärker vom US-Markt abhängig, als ihnen bewusst sei. Gleichzeitig zögerten viele Investoren, ihre US-Positionen zu reduzieren, weil sie weitere KI-getriebene Kursgewinne nicht verpassen wollten. Auch der US-Dollar dürfte laut Temple in den kommenden Jahren weiter schwächeln. Für europäische Anleger könnte dies die in Euro gerechneten Renditen von US-Anlagen belasten und Nicht-US-Anlagen attraktiver machen.
KI-Boom: Technologisch überzeugend, ökonomisch noch nicht bewiesen
Der KI-Boom bleibt ein zentraler Treiber der US-Märkte. Die Investitionsausgaben großer US-Hyperscaler dürften 2026 mehr als 750 Milliarden US-Dollar erreichen und bis 2030 auf insgesamt fünf bis zehn Billionen US-Dollar anwachsen. Technologisch sei die Bedeutung von KI kaum zu bestreiten. Aus Anlegersicht komme es jedoch darauf an, ob die enormen Investitionen auch attraktive Kapitalrenditen erzielen. Gleichzeitig bestehe das Risiko, dass KI-Anwendungen im Zeitverlauf stärker zur standardisierten Infrastruktur werden und günstigere Anbieter Marktanteile gewinnen.
Hohe Erwartungen machen den US-Markt anfälliger
US-Unternehmen erzielten im internationalen Vergleich weiterhin hohe Kapitalrenditen, was einen Bewertungsaufschlag rechtfertige. Gleichzeitig müssten sie die sehr hohen Gewinnerwartungen erfüllen. Bleibe die Gewinnentwicklung hinter diesen Erwartungen zurück oder belasteten höhere Zinsen die Multiplikatoren, könne die Anfälligkeit des US-Marktes steigen. „US-Aktien bleiben attraktiv, aber sie sind nicht risikolos“, erklärt Temple.
US-Konjunktur: Widerstandsfähigkeit mit schmalerer Basis
Die US-Wirtschaft wirke auf den ersten Blick robuster, als sie bei genauerem Hinsehen sei. Unternehmen blieben bei Neueinstellungen zurückhaltend, während KI-getriebene Automatisierungserwartungen und zollbedingte Unsicherheiten die Einstellungsbereitschaft belasteten. Gleichzeitig gewinne die sogenannte K-förmige Wirtschaft an Bedeutung: Vermögendere Haushalte profitierten von hohen Aktienkursen und Vermögenswerten, während einkommensschwächere Haushalte stärker unter Inflation, schwächerem realem Lohnwachstum und begrenzten Ersparnissen litten. Temple betont: „Die US-Wirtschaft ist nicht schwach. Aber ihre Widerstandsfähigkeit beruht auf einer schmaleren Basis, als die aggregierten Daten vermuten lassen.“
Diversifikation statt Abkehr vom US-Markt
Temple spricht sich nicht gegen US-Aktien aus, sondern für eine breitere globale Allokation. Die USA blieben ein wichtiger Markt, doch die Zeit der nahezu unangefochtenen US-Dominanz könnte sich dem Ende nähern. Attraktivere Bewertungen, solide Gewinnperspektiven und ein möglicher Rückenwind durch einen schwächeren US-Dollar sprächen für bessere relative Chancen außerhalb der USA. Sein Fazit: „Investoren sollten ihre US-Positionierung nicht abrupt aufgeben. Aber sie sollten die Annahmen hinter ihrer Allokation überprüfen.“ Nach fast zwei Jahrzehnten außergewöhnlicher US-Outperformance könne jetzt ein günstiger Zeitpunkt sein, Portfolios globaler, ausgewogener und stärker auf unterschiedliche Renditetreiber auszurichten.
Lazard/IJ