16. Juli 2026

Aktienausblick: Wenig Spielraum für Fehler

Künstliche Intelligenz bleibt der wichtigste Treiber an den Aktienmärkten – zugleich steigen die Risiken. Nelson Yu, Head—Equities bei AllianceBernstein, sieht den weiteren KI-Ausbau grundsätzlich positiv, betont jedoch, dass künftig nicht mehr die Höhe der Investitionsausgaben, sondern die Entwicklung von Gewinnen und Cashflows über den Erfolg entscheiden wird.

KI schafft Chancen – aber auch Risiken

Nelson Yu, Head – Equities bei AllianceBernstein

Globale Aktien konnten sich im zweiten Quartal erholen – vor allem, weil das Vertrauen in den Investitionszyklus der künstlichen Intelligenz (KI) zugenommen hat. Zu Beginn des dritten Quartals wird jedoch deutlich, dass die Märkte einen reibungslosen und profitablen KI-Ausbau bereits weitgehend eingepreist haben. Entsprechend bleibt nur wenig Spielraum für Fehler.

Die Aktien der „Glorreichen Sieben“ verzeichneten im Juni eine deutliche Kurskorrektur und zeigten, wie schnell die Stimmung umschlagen kann. Zwar legte der MSCI ACWI im zweiten Quartal insgesamt um 14,9 % zu, die Erholung verlief jedoch ungleichmäßig. Während die Kurse bis Mai stiegen, nahmen im Juni die Verluste und die Volatilität zu. Dieses Muster spiegelt einen Aktienmarkt wider, der zwischen makroökonomischer Vorsicht und KI-Optimismus schwankt.

KI-Ausbau: Wird Capex zu Gewinnen führen?

Die Begeisterung für KI hat die langfristigen Wachstumserwartungen erhöht. Gleichzeitig rückt für Investoren eine zentrale Frage in den Fokus: Werden die hohen Investitionsausgaben (Capex) letztlich attraktive Erträge generieren? Der zunehmende Wettbewerb hat US-Hyperskalierer dazu veranlasst, ihre finanzielle Stärke einzusetzen, um sich einen Vorsprung zu verschaffen. Schätzungen zufolge werden Amazon, Microsoft, Alphabet, Meta Platforms und Oracle bis 2027 rund eine Billion US-Dollar in KI-bezogene Investitionen stecken.

Die Märkte haben diese Ausgabenniveaus bereits weitgehend berücksichtigt. Entscheidend werden künftig jedoch die Wachstumsraten und die Entwicklung der Cashflows sein. Die Investitionsausgaben dürften in diesem Jahr ihren Höhepunkt erreichen, während sich das Ausgabenwachstum anschließend verlangsamt. Anleger werden deshalb verstärkt darauf achten, ob Gewinne und Cashflows die hohen Erwartungen erfüllen können. Prognosen zufolge dürfte der freie Cashflow der Hyperskalierer im kommenden Jahr erstmals ins Negative rutschen. Wie die Unternehmen mit diesen Herausforderungen umgehen, wird maßgeblich darüber entscheiden, ob sie ihre KI-Versprechen in nachhaltige Anlegererträge umsetzen können.

Rekord-IPOs finanzieren die nächste Phase

Auch die Welle KI-bezogener Börsengänge rückt in den Fokus. Anthropic und OpenAI werden voraussichtlich noch in diesem Jahr an die Börse gehen – obwohl beide Unternehmen bislang keine Gewinne erwirtschaften. Die Nachfrage nach diesen IPOs wird zeigen, ob Anleger bereit sind, die nächste Phase der KI-Entwicklung zu finanzieren.

Bereits im zweiten Quartal verdeutlichten zwei große Kapitalmaßnahmen die Marktstimmung: Alphabet nahm Anfang Juni mit Unterstützung von Berkshire Hathaway 85 Milliarden US-Dollar auf. Mitte Juni folgte SpaceX mit einem Rekord-Börsengang über 75 Milliarden US-Dollar. Beide Transaktionen zeigen, dass Investoren weiterhin bereit sind, hohe Bewertungen für Zukunftstechnologien zu akzeptieren – zugleich machte die starke Volatilität nach dem SpaceX-Börsengang deutlich, wie schnell sich die Stimmung ändern kann.

Zielgerichtete Allokation in sich wandelnden Märkten

In diesem Umfeld sollten Aktienanleger sorgfältig abwägen, wo sie aktives Risiko eingehen. Der KI-Ausbau schafft zwar Chancen, hohe Bewertungen, steigende Emissionen und geldpolitische Unsicherheit lassen jedoch weniger Spielraum für Fehler. Veränderte Erwartungen könnten die Volatilität zusätzlich erhöhen. Passive Allokationen eliminieren dieses Risiko nicht. Große Börsengänge können zudem Auswirkungen auf Benchmarks haben, wenn neue Unternehmen in wichtige Indizes aufgenommen werden. Untergewichtungen sollten deshalb sowohl die eigene Überzeugung als auch das relative Risiko berücksichtigen.

Gleichzeitig sollte die Dominanz von KI nicht zu einer eindimensionalen Aktienstrategie führen. Anleger sollten nach dauerhaften Ertragsquellen suchen, ohne ausschließlich auf den uneingeschränkten Erfolg von KI zu setzen. Entscheidend bleiben fundamentale Qualitäten. Langfristig dürften Umsetzung, Kapitalallokation und Gewinnerzielung wichtiger für die Aktienrenditen werden als ambitionierte KI-Ausgabenpläne.

Stresstest für KI-Engagements

Für das dritte Quartal empfiehlt Yu einen kritischen Blick auf bestehende Portfolios. Anleger sollten KI-Engagements einem Stresstest unterziehen, sich über überhitzte Trades hinaus breiter aufstellen und sicherstellen, dass jede Position eine klar definierte Rolle innerhalb der Gesamtallokation erfüllt. In einem Markt mit wenig Spielraum für Fehler zahlt es sich aus, Portfolios auf eine größere Bandbreite möglicher Entwicklungen vorzubereiten, anstatt ausschließlich auf eine Fortsetzung der bisherigen Dynamik zu setzen.

AllianceBernstein/IJ

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