1. Juni 2026

Vorerst keine KI-Wunder in Sicht

Die US-Produktivität steigt wieder. Für ein KI-getriebenes neues Wachstumsregime reicht das aber noch nicht. Künstliche Intelligenz gilt für viele als nächster großer Wachstumstreiber der Weltwirtschaft. Tatsächlich zeigen die aktuellen US-Produktivitätsdaten erste positive Effekte. Für einen nachhaltigen, KI-getriebenen Produktivitätsschub auf gesamtwirtschaftlicher Ebene ist es laut DWS jedoch noch zu früh. Zwar steigen Effizienz und Kaufkraft, die erhofften „KI-Wunder“ lassen aber weiterhin auf sich warten.

Produktivität steigt schneller als reale Vergütung

Quellen: Bureau of Labor Statistics, Haver Analytics, DWS Investment GmbH; Stand: 1. Quartal 2026

Der aktuelle DWS-„Chart der Woche“ vergleicht das jährliche Wachstum der US-Produktion je Arbeitsstunde außerhalb der Landwirtschaft mit der realen Stundenvergütung seit 1985. Nach dem Produktivitätsrückschlag infolge der Pandemie hat sich die Entwicklung wieder verbessert: Die US-Wirtschaft produziert mehr je Arbeitsstunde, während gleichzeitig auch die Kaufkraft der Haushalte steigt – allerdings langsamer als die Produktivität.

Genau dieses Muster gilt als Wunschbild vieler KI-Befürworter. Der designierte Fed-Vorsitzende Kevin Warsh argumentiert seit Längerem, dass KI-bedingte Produktivitätssteigerungen strukturell disinflationär wirken könnten. Höhere Effizienz senke Kosten und dämpfe den Preisdruck, während steigende Reallöhne ohne übermäßige Lohnkosten möglich wären. Langfristig könnte dies sogar niedrigere Zinsen rechtfertigen.

Produktivitätsgewinne noch nicht flächendeckend sichtbar

Nach Einschätzung von Christian Scherrmann, US-Chefvolkswirt der DWS, greift diese Sichtweise jedoch zu kurz. „Außerhalb der volkswirtschaftlichen Lehrbücher bleibt selten alles andere gleich“, betont er. Kurzfristig beschäftigen Notenbanken weiterhin Themen wie Energiepreise, Inflationserwartungen und geopolitische Risiken.

Hinzu kommt, dass der KI-Boom selbst neue Engpässe schaffen kann. Die steigende Nachfrage nach Rechenleistung, Infrastruktur, Rohstoffen oder Fachkräften erhöht den Druck in Bereichen, in denen bereits heute Knappheiten bestehen – von Kapital und Kupfer bis zu Elektrikern.

Die bisherigen Daten zeigen zwar messbare Produktivitätsfortschritte, allerdings meist nur bei einzelnen Tätigkeiten. Viele Aufgaben erfordern weiterhin menschliches Urteilsvermögen, Kontextverständnis oder organisatorische Anpassungen. Wie frühere technologische Revolutionen dürfte auch KI zunächst Preise und Löhne beeinflussen, bevor sich die Auswirkungen in den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsdaten klar niederschlagen.

Für Anleger bedeutet das: Die jüngsten Produktivitätsdaten sind ein positives Signal, liefern aber noch keinen Beweis für einen nachhaltigen KI-bedingten Wachstumsschub. Die DWS rät daher zur Gelassenheit. Oder, frei nach Douglas Adams: „Keine Panik“ – und das erste verständliche Signal nicht mit der endgültigen Antwort verwechseln.

DWS/IJ

Zum Newsletter anmelden

Bestellen Sie kostenfrei und unverbindlich den GELD-Magazin Newsletter, als optimale Ergänzung zur Print-Ausgabe von GELD-Magazin!
Zwei Mal im Monat versenden wir den Newsletter mit Themen rund um den Finanzmarkt und Wirtschaft.

Sie haben sich erfolgreich eingetragen.