21. Mai 2026

KI treibt Märkte

Während geopolitische Spannungen, Energieschocks und Inflationsrisiken zunehmen, zeigen sich die Aktienmärkte erstaunlich robust. Laut Joel Frick, Investment Lead bei der BENDURA BANK AG, blendet der Markt derzeit viele Risiken aus – getrieben vor allem von der anhaltenden KI-Euphorie.

KI-Dominanz als tragendes, aber schmales Fundament

Joel Frick, Investment Lead, BENDURA BANK AG

Der April hat gezeigt, wie stark sich Marktbewegungen von der Nachrichtenlage entkoppeln können. Trotz Eskalation im Iran-Konflikt, erneuter Schließung der Straße von Hormus und Belastungen für die Realwirtschaft erreichten US-Aktien neue Höchststände.

Der Nasdaq Composite legte im April um 15 Prozent zu – der stärkste Monat seit April 2020. Alle Mitglieder der „Magnificent Seven“ verzeichneten Gewinne, Alphabet stieg um 33,9 Prozent, Amazon um 27,3 Prozent. Gleichzeitig trat der breite S&P 500 weitgehend auf der Stelle. Weniger als die Hälfte der enthaltenen Titel notiert nahe ihrer Höchststände – die Marktbreite nimmt ab, obwohl die Indizes steigen.

Geopolitik: Waffenruhe ist nicht Frieden

Die zweiwöchige Waffenruhe zwischen Iran und den USA löste zunächst eine Rallye bei Risikoanlagen aus. Doch bereits kurz darauf kam es zu neuen Angriffen auf saudische Energieinfrastruktur, weiteren Luftschlägen und einer erneuten Schließung der Straße von Hormus. Der Ölpreis blieb erhöht, ein signifikanter Risikoaufschlag blieb bestehen. Investoren blenden geopolitische Risiken zunehmend aus – eine Strategie, die nur funktioniert, solange die Unternehmensgewinne stabil bleiben.

Makroökonomie: Wachstum mit wachsenden Rissen

Die US-Wirtschaft wächst weiterhin mit Prognosen von 2,3 bis 2,5 Prozent für 2026, zeigt aber erste Schwächen. Das Beschäftigungswachstum normalisiert sich, der Konsum lässt nach und steigende Energiepreise belasten die Margen.

In Europa fällt das Bild schwächer aus: Das BIP des Euroraums wuchs im ersten Quartal nur um 0,1 Prozent, die Inflation liegt bei 3,0 Prozent und die Arbeitslosenquote in Deutschland bei 6,4 Prozent. Die EZB steht vor einer schwierigen Entscheidung, wobei die Märkte eine Zinserhöhung im Juni mit rund 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit einpreisen.

Anleihen, Rohstoffe und der starke Dollar

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg auf etwa 4,45 Prozent, auch europäische Staatsanleihen gerieten unter Druck. Zehnjährige Bundesanleihen nähern sich der 3-Prozent-Marke, französische Anleihen liegen bei rund 3,7 Prozent. Rohstoffseitig bleibt Kupfer aufgrund der Elektrifizierungsnachfrage strukturell interessant. Beim Öl sorgt eine ausgeprägte Backwardation für hohe Volatilität. Der US-Dollar profitiert von der relativen Stärke der US-Wirtschaft und bleibt gestützt.

Was das für Portfolios bedeutet

Die aktuellen Rekordstände an den Aktienmärkten basieren laut Frick auf der Gewinnstärke weniger KI-Titel und spiegeln keine breite wirtschaftliche Stärke wider. Die zunehmende Konzentration stellt ein Risiko für viele Portfolios dar.Der Halbleitersektor weist weiterhin Preissetzungsmacht und teils einstellige Forward-KGVs auf. In Europa sollten Anleger zinsabhängige und energieintensive Sektoren mit Vorsicht betrachten.

Fazit: Der Markt wird derzeit von wenigen Treibern dominiert. „Sell in May“ ist keine verlässliche Regel – doch der Mai 2026 erfordert vor allem eines: Selektivität statt Euphorie.

BENDURA BANK/IJ

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