Geopolitik erzwingt Umdenken
Was sich derzeit abzeichnet, ist kein kurzfristiger Zyklus, sondern ein neues Marktregime. Es ist geprägt von geopolitischer Fragmentierung, strukturell höherer Inflation und erheblichen Investitionen in Infrastruktur. Für Anleger bedeutet das: Portfolios müssen robuster werden.

Die Zeit, in der Globalisierung automatisch zu Effizienzgewinnen und sinkenden Kosten geführt hat, geht zu Ende. Stattdessen rücken Versorgungssicherheit, Redundanz und Infrastruktur in den Mittelpunkt. Am deutlichsten zeigt sich dieser Wandel im Energiesektor. Wir haben unser Exposure hier zuletzt deutlich erhöht – von rund 5 % auf etwa 15 %. Dabei geht es uns nicht um eine kurzfristige Wette auf steigende Ölpreise sondern sehen eine langfristige Unsicherheiten bei der Nachfrage. Deshalb setzen wir gezielt auf Übergangslösungen wie LNG, europäisches und asiatisches Gas sowie Uran – weil diese Technologien eine Brücke in ein neues Energiesystem schlagen und gleichzeitig kurzfristig unverzichtbar bleiben.
Profiteure der globalen Energiearchitektur
Unternehmen wie Shell bleiben Teil unserer Allokation, da sie stabile Cashflows liefern und gleichzeitig in neue Energiebereiche investieren. Gleichzeitig sehen wir besonders attraktive Chancen bei Dienstleistern und Infrastrukturunternehmen. Baker Hughes ist ein Beispiel dafür, wie stark Unternehmen vom Umbau der globalen Energiearchitektur profitieren können. Die eigentliche Investmentchance liegt aus unserer Sicht nicht in einzelnen Rohstoffen, sondern im Aufbau eines neuen Systems. Globale Energieinfrastruktur – von Gas über LNG bis hin zu neuen Technologien – wird in den kommenden Jahren erhebliche Investitionen erfordern.
Inflation und Ölpreis bleiben Risikofaktoren
Kurzfristig bleibt das Umfeld herausfordernd. Die geopolitischen Spannungen dürften nicht schnell verschwinden. Im Ölmarkt sehen wir mehr Aufwärtspotenzial als Abwärtsrisiken. In einem anhaltend angespannten Szenario halten wir Preise von 130 Dollar oder mehr für möglich. Für Anleger bedeutet das: Inflation dürfte länger erhöht bleiben, was direkte Auswirkungen auf Bewertungen und Zinsen hat. Ein Umfeld strukturell höherer Inflation ist für viele Geschäftsmodelle eine Herausforderung.
Weniger Zyklik, mehr Resilienz
Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Portfolios breiter angepasst. Exposure in stark konjunkturabhängigen Bereichen wie Consumer Discretionary oder Teilen der Industrie haben wir reduziert. Das bedeutet nicht, dass diese Sektoren verschwinden – aber ihre Rolle verändert sich. Entscheidend ist heute stärker die Frage, welche Unternehmen auch in einem volatileren Umfeld stabile Erträge generieren können.
Selektive Chancen trotz Gegenwind
Regional beobachten wir interessante Verschiebungen. Während energieabhängige Regionen unter Druck geraten, sehen wir in Teilen Südeuropas eine strukturelle Verbesserung. Länder wie Spanien, Portugal oder Irland haben ihre Bilanzen gestärkt und profitieren von veränderten wirtschaftlichen Strömen. Auch auf Unternehmensebene bleiben wir selektiv. Inditex ist ein Beispiel für ein qualitativ hochwertiges Geschäftsmodell, das wir genau beobachten – auch wenn die Bewertung aktuell noch nicht attraktiv genug erscheint. Parallel dazu behalten wir strukturelle Themen wie Halbleiter im Blick. Unternehmen wie Nvidia dominieren weiterhin auf der Design-Seite, während Taiwan für die Produktion zentral bleibt. Gleichzeitig gewinnen lokale Fertigung und strategische Kapazitäten an Bedeutung.
Technologie bleibt wichtig – aber anders
Auch wenn Energie aktuell im Fokus steht, bleibt Technologie ein zentraler Treiber. Entscheidend ist jedoch, wo die Wertschöpfung entsteht. Plattformen und Infrastruktur, die in neue Systeme eingebunden sind, werden langfristig profitieren. Deshalb betrachten wir Unternehmen wie Amazon zunehmend auch aus einer Infrastruktur- und Energieperspektive – etwa im Zusammenhang mit Rechenzentren oder neuen Technologien.
J O Hambro / mf