Fed weiter in Warteposition
Die US-Notenbank hat ihren Leitzins auf der heutigen Sitzung wie erwartet unverändert in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent belassen. Angesichts der unklaren Folgen des Kriegs im Iran für Wachstum und Inflation setzt die Fed weiter auf Abwarten. Diese Haltung zog sich sowohl durch das Statement zur Zinsentscheidung als auch durch die Pressekonferenz von Fed-Chef Jerome Powell.

Aus Sicht von Eric Winograd, Chief US Economist bei AllianceBernstein, spricht derzeit vieles dafür, dass die Fed ihre Zinsen noch für mehrere Monate unverändert lassen wird – sofern sich die Konjunkturdaten nicht deutlich verändern.
Die eigentliche Zinsentscheidung kam wenig überraschend. Der Offenmarktausschuss der Fed (FOMC) beließ das Zinsniveau unverändert, wie es einhellig erwartet worden war. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Auswirkungen des Kriegs im Iran auf Inflation und Wachstum sind derzeit schlicht zu unklar, als dass die Fed schon jetzt eine neue Richtung einschlagen könnte. Solange sich das makroökonomische Bild nicht deutlicher aufhellt, dürfte die Notenbank an ihrer abwartenden Haltung festhalte
Aus heutiger Sicht ist daher davon auszugehen, dass die Fed die Zinsen mindestens in den kommenden Monaten unverändert lässt. Zinssenkungen dürften erst dann wieder ernsthaft auf die Tagesordnung rücken, wenn die Unsicherheit rund um den Krieg im Iran spürbar nachlässt oder sich die Wirtschaftsdaten deutlich verschlechtern.
Abweichende Stimmen senden ein Signal
Für Aufmerksamkeit sorgten diesmal weniger die Zinsentscheidung selbst als vielmehr die abweichenden Stimmen zum Begleitstatement. Zwar gab es keinen Widerspruch gegen die Entscheidung, die Zinsen unverändert zu lassen. Allerdings lehnten drei regionale Fed-Präsidenten – Logan, Hammack und Kashkari – die Formulierung im Statement ab, wonach der Ausschuss bei „weiteren Anpassungen“ des Leitzinses verschiedene Indikatoren berücksichtigen werde. Aus ihrer Sicht deutet das Wort „weitere“ auf eine Lockerungstendenz hin.
Diese Einwände sind mehr als nur semantische Feinheiten. Sie machen deutlich, dass ein Teil des Ausschusses kurzfristig keinesfalls bereit ist, Zinssenkungen mitzutragen – es sei denn, der Arbeitsmarkt würde sich deutlich eintrüben. Damit senden diese Mitglieder auch ein Signal an den designierten neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh: Die Fed dürfte nicht ohne Weiteres unmittelbar nach seinem Amtsantritt in einen Zinssenkungsmodus wechseln.
Machtwechsel an der Spitze der Fed
Ein weiterer Schwerpunkt der Sitzung lag auf der anstehenden personellen Veränderung an der Spitze der Notenbank. Jerome Powells Amtszeit als Fed-Vorsitzender endet Mitte Mai, und Kevin Warsh dürfte bis dahin planmäßig als Nachfolger bestätigt werden. Powell machte deutlich, dass er weiterhin davon ausgeht, dass der Übergang wie vorgesehen erfolgen wird.
Komplexer ist allerdings die Frage, welche Rolle Powell danach spielen wird. Seine Amtszeit als Mitglied des Board of Governors läuft noch bis 2028, und er kündigte an, nach seinem Ausscheiden als Vorsitzender zunächst weiter im Gouverneursrat zu bleiben. Hintergrund sind die noch nicht vollständig ausgeräumten rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit Kostenüberschreitungen bei der Gebäudesanierung der Fed. Powell will nach eigenen Worten so lange bleiben, bis diese Vorgänge endgültig und transparent abgeschlossen sind.
Powell will im Hintergrund bleiben
Powell betonte zugleich unmissverständlich, dass er sich nach dem Wechsel an der Spitze öffentlich zurückhalten will. Es werde nur einen Fed-Vorsitzenden geben – und das sei dann Kevin Warsh. Aus Sicht von Eric Winograd ist deshalb nicht zu erwarten, dass Powell sich nach seinem Rückzug in öffentliche Debatten über den geldpolitischen Kurs einschaltet.
Dass Powell vorerst im Gouverneursrat bleibt, dürfte damit vor allem institutionellen Gründen dienen und nicht Ausdruck eines Machtkampfs sein. Ein öffentlich sichtbarer Konflikt zwischen altem und neuem Vorsitz wäre für die Glaubwürdigkeit der Fed problematisch. Gerade deshalb ist nicht davon auszugehen, dass Powell aus dem Hintergrund geldpolitisch gegensteuert.
Unsere Einschätzung
Aus Sicht von AllianceBernstein hat Powells Verbleib im Gouverneursrat daher voraussichtlich keinen Einfluss auf den weiteren geldpolitischen Kurs. Die Fed dürfte auf absehbare Zeit in Warteposition bleiben – und das ist derzeit auch angemessen. Mittel- bis längerfristig sind Zinssenkungen zwar weiterhin wahrscheinlich. Solange aber die Unsicherheit über die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs im Iran anhält, dürften sie kaum ernsthaft in Betracht gezogen werden.
Die entscheidende Botschaft dieser Sitzung lautet daher: Die Fed bleibt vorerst im Beobachtungsmodus. Weder die geopolitische Lage noch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geben derzeit Anlass für eine schnelle Richtungsänderung. Für die Märkte bedeutet das vor allem eines: Geldpolitische Geduld bleibt vorerst das Basisszenario.
AllianceBernstein/SJ