EZB vor Zinsschritt
Vor der aktuellen EZB-Sitzung richtet sich der Blick der Märkte weniger auf die erwartete Zinserhöhung selbst als auf die Frage, welche Signale die Europäische Zentralbank für die kommenden Monate sendet. Felix Feather, Economist bei Aberdeen, rechnet damit, dass die EZB die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent anheben wird. Entscheidend dürfte jedoch sein, wie die Notenbank diese Entscheidung einordnet und welche Hinweise sie für den weiteren geldpolitischen Kurs liefert.
Die Unsicherheit bleibt hoch. Zum einen könnten mögliche Friedensgespräche zwischen den USA und dem Iran den wirtschaftlichen Ausblick kurzfristig verändern. Zum anderen bleibt die Entscheidungslogik der EZB aus Sicht vieler Marktteilnehmer schwer einschätzbar. Entsprechend werden die neuen Projektionen, das geldpolitische Statement und vor allem die Aussagen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde besonders genau beobachtet.
Vorsichtiger Ton möglich

Laut Feather wird die Möglichkeit unterschätzt, dass die Zinserhöhung vergleichsweise zurückhaltend kommuniziert wird. Als nahezu sicher gilt, dass die EZB keine explizite Forward Guidance für weitere Zinsschritte geben wird.Das deutlichste Signal für zusätzliche Straffungen wäre eine Bestätigung Lagardes, dass der EZB-Rat weiterhin eine grundsätzliche Tendenz zu weiteren Zinserhöhungen sieht. Selbst dies könnte von den Märkten jedoch bereits als wenig verbindlich interpretiert werden, da derzeit ohnehin zwei weitere Zinsschritte innerhalb der kommenden zwölf Monate eingepreist sind.
Ein deutlich vorsichtigeres Signal wäre es hingegen, die aktuelle Zinserhöhung als Maßnahme des „Risikomanagements“ zu beschreiben. Dies würde darauf hindeuten, dass sich die EZB auf einem Zinsniveau positionieren möchte, von dem aus sie flexibel auf verschiedene Szenarien reagieren kann, anstatt einen längeren Zinserhöhungszyklus anzukündigen.
Zweitrundeneffekte im Fokus
Für die weitere Geldpolitik dürfte nach Einschätzung von Aberdeen weniger der unmittelbare Energieschock entscheidend sein als mögliche Zweitrundeneffekte. Dabei richtet sich der Blick insbesondere auf die Entwicklung der Inflationserwartungen und der Löhne. Bislang konzentriert sich der Inflationsdruck weiterhin stark auf den Energiesektor. Hinweise auf ausgeprägte Zweitrundeneffekte sind derzeit begrenzt. Sowohl Lohnindikatoren als auch Umfragen zeigen bislang kaum Anzeichen für deutlich steigende Lohnforderungen. Dadurch dürfte auch der Inflationsdruck im Dienstleistungssektor vorerst begrenzt bleiben.
Möglicherweise letzte Zinserhöhung 2026
Unter Annahme des Basisszenarios von Aberdeen, in dem der Ölpreis auf rund 90 US-Dollar pro Barrel zurückfällt und anschließend weiter sinkt, könnte die Zinserhöhung im Juni die letzte in diesem Jahr gewesen sein. Gleichzeitig bleiben die Risiken klar auf der Oberseite. Sollten sich stärkere Zweitrundeneffekte zeigen oder es zu einem erneuten Energieschock kommen, dürfte die EZB deutlich entschlossener reagieren. Damit bleibt die weitere Entwicklung von Inflation, Energiepreisen und Lohnwachstum der entscheidende Faktor für den geldpolitischen Kurs in der zweiten Jahreshälfte.
Aberdeen/IJ