11. Juni 2026

Europäische Anleihen: Selektion wird wichtiger

Der jüngste Energiepreisschock im Zuge der Nahost-Krise hat die europäischen Anleihemärkte vor neue Herausforderungen gestellt. Nach Einschätzung von Massimo Spadotto, Head of Fixed Income bei Eurizon, spiegelte sich die Neubewertung geopolitischer Risiken bislang vor allem am kurzen Ende der Zinskurve wider. Die Märkte reagierten insbesondere über veränderte Erwartungen an die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), während sich die Renditeaufschläge von Peripherie-Staatsanleihen und Unternehmensanleihen nur moderat ausweiteten und sich anschließend wieder einengten.

Massimo Spadotto, Head of Fixed Income bei Eurizon

Dies deutet darauf hin, dass Investoren den Schock vor allem als Kombination aus höherem Inflationsdruck und schwächeren Wachstumsaussichten betrachten – nicht jedoch als systemisches Finanzmarktrisiko. Inflationsgebundene Anleihen boten insbesondere bei kurzen und mittleren Laufzeiten Schutz, da die Breakeven-Inflationsraten infolge steigender Energiepreise zulegten.

Sichere Häfen erfordern mehr Differenzierung

Ob Anleihen als sicherer Hafen fungieren, hängt laut Spadotto zunehmend von der Art des jeweiligen Schocks ab. Bei klassischen Wachstums- oder Finanzstressphasen bieten Kernstaatsanleihen weiterhin Schutz. Bei inflations- oder energiebedingten Schocks seien die Absicherungseigenschaften nominaler Staatsanleihen hingegen weniger verlässlich, insbesondere am kurzen Ende der Zinskurve.

In diesem Umfeld könnten inflationsgebundene Anleihen mit kurzer und mittlerer Laufzeit weiterhin wirksamen Schutz bieten. Gleichzeitig gewinnt die Auswahl der Länder an Bedeutung. Die Märkte achten verstärkt auf fiskalische Stabilität, insbesondere auf die Entwicklung der Zinskosten und die Fähigkeit von Staaten, tragfähige Primärsalden aufrechtzuerhalten. Länder mit glaubwürdiger Fiskalpolitik dürften ihre Safe-Haven-Eigenschaften besser bewahren.

Kreditrisiko: Selektion statt Sektorvermeidung

Besonders betroffen von einem anhaltenden Energieschock sind energieintensive Branchen wie Chemie, Papier, Metallurgie oder grundstoffnahe Industrieunternehmen. Da die Kreditaufschläge im Investment-Grade-Bereich weiterhin nahe historischer Tiefstände liegen, hält Spadotto eine sorgfältige Titelauswahl für wichtiger als pauschale Sektorvermeidung. Im Fokus stehen Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht, diversifizierter Energieversorgung und soliden Bilanzen. Diese seien besser in der Lage, steigende Kosten aufzufangen und ihre Margen zu verteidigen. Chancen ergeben sich vor allem dort, wo die Marktpreisbildung die Widerstandsfähigkeit einzelner Unternehmen unterschätzt.

Eine breit angelegte Ausfallwelle im europäischen Unternehmenssektor hält Spadotto für unwahrscheinlich. Viele Unternehmen hätten ihre Refinanzierungsprofile während der Niedrigzinsphase verlängert und verfügten über solide Liquiditätspuffer. Statt eines systemischen Ausfallzyklus sei derzeit eine stärkere Differenzierung zwischen einzelnen Emittenten zu beobachten.

Marktstruktur und Liquiditätsrisiken

Die Liquidität am europäischen Markt für Unternehmensanleihen bleibt laut Eurizon robust. Unterstützt wird sie durch eine breite Investorennachfrage. Offene Fonds und Anleihe-ETFs wirken dabei eher als Liquiditätsvermittler denn als Risikoverstärker. Sie erleichtern die Preisfindung und den Risikotransfer auch in Phasen erhöhter Marktvolatilität.

Strukturell höhere Emissionen und ein breiteres Verständnis strategischer Finanzierung

Steigende Ausgaben für Verteidigung, Energieversorgung und industrielle Resilienz dürften in den kommenden Jahren zu einem höheren Emissionsvolumen europäischer Staatsanleihen führen. Die Märkte erkennen zunehmend, dass es sich dabei nicht um kurzfristige Maßnahmen handelt, sondern um eine langfristige strategische Neuausrichtung Europas. Gleichzeitig erweitert sich das Verständnis nachhaltiger Finanzierung. Neben klassischen Green Bonds gewinnen zunehmend Transition Bonds, Energieinfrastrukturprojekte und teilweise auch verteidigungsbezogene Finanzierungen an Bedeutung. Green Bonds dürften dennoch wichtige Instrumente bleiben, insbesondere für Investitionen in Dekarbonisierung und Energieunabhängigkeit.

Für Anleiheinvestoren bedeutet das aktuelle Umfeld vor allem eines: Nicht systemische Risiken, sondern die sorgfältige Auswahl von Ländern, Laufzeiten und Emittenten wird zunehmend zum entscheidenden Erfolgsfaktor.

Eurizon/IJ

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