16. Juni 2026

EZB: Zweiter Zinsschritt im Juli denkbar

Nach der jüngsten Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank bleibt die entscheidende Frage, wie es geldpolitisch weitergeht. Sandra Rhouma, Vice President und European Economist im Fixed-Income-Team von AllianceBernstein, hält einen weiteren Zinsschritt bereits im Juli für durchaus wahrscheinlich. Dauerhaft hohe Leitzinsen, wie sie derzeit teilweise vom Markt eingepreist werden, hält sie jedoch für überzogen.

Weitere Straffung bleibt möglich

Sandra Rhouma, European Economist – Fixed Income bei AllianceBernstein
Sandra Rhouma, European Economist – Fixed Income bei AllianceBernstein

Die jüngste Entscheidung der EZB fiel einstimmig und war laut Rhouma über verschiedene Szenarien hinweg gut begründet. Zwar lieferten weder das Statement noch die Pressekonferenz klare Hinweise auf den weiteren Kurs, die aktuellen Projektionen sprächen jedoch für eine weiterhin moderat restriktive Geldpolitik. „Angesichts der Stabsprognose der europäischen Währungshüter und der Reaktionsfunktion des EZB-Rats seit Beginn des Krieges im Iran scheint eine weitere Zinserhöhung durchaus gerechtfertigt“, erklärt Rhouma.

Für eine präventiv handelnde Zentralbank sei es sinnvoll, Preis- und Kostenschocks frühzeitig einzudämmen. „Der nächste logische politische Schritt wäre, die Zinsen in zwei aufeinanderfolgenden Schritten anzuheben und im Juli eine weitere Erhöhung vorzunehmen.“ Gleichzeitig betont sie, dass sich die EZB nicht auf einen festen Zinspfad festgelegt habe und sich alle Optionen offenhalte – „wahrscheinlich auch die Möglichkeit, die Zinsen nicht erneut anzuheben“.

Gebremstes Lohnwachstum senkt Gefahr für Zweitrundeneffekte

Die neuen EZB-Prognosen gehen davon aus, dass die Inflation das Ziel von zwei Prozent bis 2028 leicht überschreiten wird. Die Notenbank sieht die Inflationsrisiken derzeit eher auf der Oberseite – eine Einschätzung, die laut Rhouma stark von der weiteren Entwicklung des Nahostkonflikts abhängt. Gleichzeitig habe EZB-Präsidentin Christine Lagarde darauf hingewiesen, dass die längerfristigen Inflationserwartungen weiterhin gut verankert seien. Zudem dürfte sich das Lohnwachstum bis zum Jahresende weiter abschwächen.

„Dies ist durchaus eine entscheidende Beobachtung, da sie darauf hindeutet, dass schwerwiegende Zweitrundeneffekte wahrscheinlich ausbleiben“, so die Ökonomin. Unterdessen senkte die EZB ihre Wachstumsprognosen für den Euroraum um jeweils 10 Basispunkte auf 0,8 Prozent für 2026 und 1,2 Prozent für 2027. Erst 2028 rechnen die Währungshüter wieder mit einer etwas stärkeren Erholung. Der private Konsum dürfte dabei den größten Wachstumsbeitrag leisten – allerdings auf verhaltenem Niveau. Die Risiken für die Konjunktur blieben angesichts sinkender Kaufkraft und hoher Unsicherheit nach unten gerichtet.

Szenario für langfristig hohe Zinsen ist unangemessen

Rhoumas Basisszenario bleibt unverändert: Die EZB dürfte die Geldpolitik nochmals straffen, der Zeitpunkt sei jedoch offen „Dabei würde eine Pause im Juli die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Anhebung verringern; insbesondere, falls sich eine Lösung des Konflikts abzeichnet oder sich die Wachstumsaussichten in der Zwischenzeit verschlechtern“, erklärt sie.

Die derzeitige Markterwartung dauerhaft hoher Leitzinsen hält die Finanzmarktexpertin hingegen für nicht gerechtfertigt: „Die Inflation dürfte 2027 wieder auf das Ziel zurückkehren, und die makroökonomischen Aussichten rechtfertigen es nicht, die Zinsen zu lange restriktiv zu halten.“

AllianceBernstein/IJ

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