Börsendebüt von SpaceX
Der bevorstehende Börsengang von SpaceX könnte zu einem Stresstest für die Risikobereitschaft der Anleger werden. Mit einer angestrebten Bewertung von rund 1,75 Billionen US-Dollar wäre das Unternehmen nicht nur der größte Börsengang aller Zeiten, sondern auch eines der höchstbewerteten jemals gelisteten Unternehmen. Für Ben Ritchie, Head of Developed Market Equities bei Aberdeen Investments, stellt sich deshalb vor allem eine Frage: Handelt es sich um eine einmalige Chance, in die Infrastruktur der Zukunft zu investieren – oder um eine Wette auf eine Vision, deren wirtschaftlicher Erfolg noch nicht bewiesen ist?
Das Bullenszenario: ein seltener industrieller Champion

Fest steht: SpaceX ist bereits heute Marktführer bei kommerziellen Raumfahrtstarts und Satellitenkonnektivität. Nach Unternehmensangaben erzielte das Unternehmen 2025 einen Umsatz von rund 18,7 Milliarden US-Dollar. Mehr als 60 Prozent davon entfielen auf das Satelliteninternet Starlink, das zugleich über 4 Milliarden US-Dollar operativen Gewinn erwirtschaftete. Anders als viele prominente Börsenneulinge verfüge SpaceX damit über ein skalierbares Geschäftsmodell mit nachvollziehbaren Umsätzen. Das Unternehmen entwickelt seine Raketen selbst, bringt eigene Satelliten ins All und verdient anschließend an deren Nutzung. Die nächste Wachstumsphase dürfte maßgeblich von der neuen Raketengeneration Starship abhängen, die höhere Startkapazitäten und niedrigere Kosten ermöglichen soll.
Eine Bewertung in einer anderen Dimension
Die größte Herausforderung bleibt jedoch die Bewertung. Bei rund 1,75 Billionen US-Dollar werde bereits ein äußerst optimistisches Wachstumsszenario eingepreist. Gemessen an den aktuellen Umsätzen entspreche dies einem Umsatzmultiplikator im nahezu dreistelligen Bereich. „Um eine solche Bewertung unter üblichen Maßstäben zu rechtfertigen, müsste SpaceX seine Umsätze um ein Vielfaches steigern und in den Bereich von mehreren hundert Milliarden US-Dollar pro Jahr wachsen“, so Ritchie. Ein großer Teil dieser Erwartungen basiert auf Zukunftsprojekten wie xAI oder weltraumbasierten Rechenzentren, deren kommerzielle Nutzung bislang begrenzt ist. Gleichzeitig schrieb SpaceX im Jahr 2025 einen Nettoverlust von rund 4,9 Milliarden US-Dollar, da massiv in KI und Infrastruktur investiert wurde.
Governance: öffentliches Kapital bei privater Kontrolle
Für Diskussionen sorgt auch die geplante Aktienstruktur. SpaceX will mit einer Mehrklassenstruktur an die Börse gehen, die Elon Musk weiterhin die Kontrolle sichert. Schätzungen zufolge hält er 80 bis 85 Prozent der Stimmrechte, obwohl sein wirtschaftlicher Anteil deutlich geringer ausfällt. Für Investoren bedeutet dies nur begrenzte Einflussmöglichkeiten auf strategische Entscheidungen oder die Unternehmensführung. Hinzu kommt, dass Musk bereits Tesla führt – ein weiteres Unternehmen mit einer Bewertung von knapp zwei Billionen US-Dollar.
Die Bewertungsprämie der Vision
Ein wesentlicher Teil der Investmentstory ist Elon Musk selbst. Für die einen ist er der Visionär hinter Elektromobilität und wiederverwendbaren Raketen, für die anderen ein Unternehmer mit einer Neigung zu überzogenen Versprechen. Zu den langfristigen Zielen von SpaceX zählen die Kolonisierung des Mars, orbitale Rechenzentren und die Gewinnung von Ressourcen außerhalb der Erde – Projekte, die auf Technologien und Märkten beruhen, die heute größtenteils noch nicht existieren. „Für Investoren ergibt sich daraus ein bekanntes Dilemma: Welcher Anteil der Bewertung lässt sich durch aktuelle Cashflows rechtfertigen und wie viel basiert auf der Erwartung einer Zukunft, die sich möglicherweise erst in vielen Jahren realisieren wird?“, erklärt Ritchie.
Eine Frage von Vertrauen oder Disziplin
Der Börsengang von SpaceX sei daher weit mehr als ein Wachstumstest. Er werfe die grundsätzliche Frage auf, ob Anleger bereit sind, hohe Bewertungen, begrenzte Mitspracherechte und großes Vertrauen in die Vision eines Gründers zu akzeptieren. „Für einige Investoren bietet SpaceX eine seltene Gelegenheit, in die Infrastruktur der Zukunft zu investieren. Für andere wirkt es wie eine Wette auf Gewinne, die möglicherweise nie realisiert werden.“
Aberdeen Investments/IJ