5. Oktober 2026

Einschätzung zu den Wahlen in Brasilien

Anlässlich des Wahlergebnisses in Brasilien hier die Einschätzung von Victor Szabó, Investment Director Emerging Market Debt bei Aberdeen Investments zur aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage sowie den möglichen Auswirkungen auf die Märkte.

Victor Szabo, Investment Director, Emerging Market Debt bei Aberdeen Investments
Victor Szabo, Investment Director, Emerging Market Debt bei Aberdeen Investments

„Die erste Wahlrunde brachte eine deutliche Verschiebung nach rechts. Flávio Bolsonaro widerlegte die Umfragen, die Luiz Inácio Lula da Silva mit einem knappen Vorsprung gezeigt hatten, und kam auf 47 % gegenüber Lulas 45,2 % – damit geht er mit Rückenwind in die Stichwahl am 25. Oktober. Auch rechtsgerichtete Parteien erzielten ihr bestes Ergebnis im Kongress seit Jahrzehnten: Bolsonaros Liberale Partei konnte ihre Fraktion im Senat auf rund 30 von 81 Sitzen mehr als verdoppeln und wird voraussichtlich mehr als 110 Sitze im Abgeordnetenhaus halten, während die Zersplitterung der Parteien auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren sank. Dies dürfte die Koalitionsbildung für Bolsonaro erheblich erleichtern und für Lula deutlich erschweren.”

„Die Märkte rechnen nun mit einem Sieg Bolsonaros. Die vier ausgeschiedenen Kandidaten, die zusammen rund 8 % der Stimmen auf sich vereinigten, stammten überwiegend aus dem Mitte- bis Mitte-Rechts-Spektrum, was darauf hindeutet, dass die Wählerwanderung zu seinen Gunsten ausfallen dürfte. Dennoch ist die Wahl noch nicht entschieden: Lula hat noch nie eine Präsidentschaftswahl verloren und profitiert weiterhin vom Amtsbonus, den erhöhten Zahlungen im Rahmen des Bolsa-Família-Programms sowie dem derzeit im Senat diskutierten Vorschlag zur Verkürzung der Arbeitswoche. Er geht nun als Außenseiter in die Stichwahl, bleibt jedoch wettbewerbsfähig in einer Wahl, die sich zu einem weiteren Beispiel dafür entwickeln könnte, dass großzügige fiskalpolitische Wahlgeschenke vor der Abstimmung nicht ausreichen, um den Amtsinhaber an der Macht zu halten. Vergleichbare Fälle waren zuletzt in Ungarn und Kolumbien zu beobachten.“

„Für die Märkte bleibt jedoch die zentrale Frage die fiskalische Perspektive Brasiliens, seine seit langem bestehende Achillesferse. Lulas Ausgabenversprechen sind bereits hinlänglich bekannt; Bolsonaro muss nun zeigen, dass die Markterwartungen hinsichtlich soliderer Primärsalden und einer Haushaltsreform durch glaubwürdige Vorschläge und nicht nur durch Wahlkampfrhetorik gestützt werden. Die Versprechen und Verpflichtungen, die beide Kandidaten in den nächsten drei Wochen abgeben, werden daher wichtiger sein als die politische Dynamik in den Schlagzeilen.“

Aberdeen Investments/SJ

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