19. August 2026

Raffinerieengpässe halten Inflationsdruck hoch

Trotz zuletzt gesunkener Rohölpreise bleiben die Kraftstoffmärkte angespannt. Laut einer Analyse der UniCredit Bank Austria hat sich der Engpass inzwischen von der Rohölversorgung auf die Raffineriekapazitäten verlagert. Dadurch geben Treibstoffpreise deutlich weniger stark nach als die Rohölnotierungen – mit Folgen für die Inflation und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.

Engpass verlagert sich entlang der Wertschöpfungskette

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria
Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

Obwohl die internationalen Rohölpreise zuletzt auf knapp über 70 Euro je Barrel gesunken sind, bleiben raffinierte Produkte teuer. Grund dafür sind begrenzte Verarbeitungskapazitäten. Die sogenannten Crack-Spreads, die die Differenz zwischen dem Wert raffinierter Produkte und dem Rohölpreis messen, haben sich in den vergangenen Wochen deutlich ausgeweitet und das höchste Niveau seit der Energiekrise 2022 erreicht. „Die Märkte signalisieren eine ausreichende Rohölverfügbarkeit, während die Verarbeitungskapazitäten hinter der Nachfrage zurückbleiben. Dadurch bleiben die Preise für raffinierte Produkte hoch, obwohl die Rohölnotierungen deutlich nachgegeben haben“, erklärt UniCredit Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer.

Hintergrund sind Produktionsausfälle und Kapazitätseinschränkungen an wichtigen Raffineriestandorten. Mehrere Anlagen im Nahen Osten arbeiten derzeit unter ihrer technischen Auslastung, zugleich wurden russische Raffineriekapazitäten infolge des Ukraine-Kriegs erheblich beeinträchtigt.

Sinkende Rohölpreise kommen nur begrenzt bei Verbraucher:innen an

Die Verlagerung des Engpasses von der Rohölförderung zur Verarbeitung führt dazu, dass niedrigere Rohölpreise nur eingeschränkt an den Zapfsäulen ankommen. „Auch in Österreich zeigt sich eine zunehmende Entkopplung zwischen Rohöl- und Treibstoffpreisen. Während der Rohölpreis seit seinem Höchststand Anfang Mai 2026 um mehr als 20 Prozent von rund 95 auf etwas über 70 Euro je Barrel gesunken ist, haben Diesel- und Benzinpreise deutlich weniger nachgegeben“, sagt UniCredit Bank Austria Ökonom Walter Pudschedl.

In der ersten Augusthälfte kostete Diesel an österreichischen Tankstellen durchschnittlich 2,01 Euro je Liter, Superbenzin 1,78 Euro. Nach Abzug von Umsatzsteuer, Mineralölsteuer und CO₂-Bepreisung lagen die Nettopreise bei rund 1,15 Euro für Diesel beziehungsweise 0,88 Euro für Benzin. Gegenüber ihren Höchstständen sind diese lediglich um rund 5 Prozent gesunken.

Energiepreise bleiben ein wesentlicher Inflationstreiber

Walter Pudschedl, Ökonem bei UniCredit Bank Austria (©Pepo Schuster)
Walter Pudschedl, Ökonem bei UniCredit Bank Austria (©Pepo Schuster)

Obwohl Energieprodukte nur rund 8,2 Prozent des österreichischen Warenkorbs ausmachen, waren sie seit Beginn des Iran-Konflikts für rund ein Fünftel der gesamten Inflation verantwortlich. Nach einem Rückgang der Inflation auf rund 2 Prozent zu Jahresbeginn 2026 sorgten steigende Treibstoffpreise ab März für eine Trendwende. Zwischen März und Juli lag die Inflation durchschnittlich bei 3,2 Prozent. Die Energiepreise trugen dabei mehr als 0,6 Prozentpunkte zur Gesamtteuerung bei.

Besonders stark fiel der Beitrag der Treibstoffe aus: Diesel war für rund 13 Prozent und Benzin für knapp 6 Prozent der gesamten Inflation verantwortlich. Zusätzlicher Preisdruck ging von höheren Preisen für Erdgas und Heizöl aus, während niedrigere Strompreise dämpfend wirkten.

Entlastung durch niedrigere Rohölpreise blieb begrenzt

„Mit Beginn der zweiten Jahreshälfte hat sich die Inflation zwar auch durch den geringeren Preisauftrieb von Energie abgeschwächt, der Rückgang hätte angesichts der niedrigeren Rohölpreise jedoch stärker ausfallen müssen“, betont Pudschedl. Nach vorläufigen Schätzungen sank die Inflationsrate im Juli auf 2,7 Prozent und damit erstmals seit Ausbruch des Iran-Konflikts wieder unter die Marke von 3 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Energiepreise im Jahresvergleich um 5,7 Prozent und gegenüber dem Vormonat um 1,2 Prozent.

Bei unveränderten Raffineriemargen hätte der durchschnittliche Rohölpreis von 72,5 Euro je Barrel im Juli laut UniCredit Bank Austria um rund 10 Cent je Liter niedrigere Treibstoffpreise ermöglicht. Die Gesamtinflation wäre dadurch um mehr als 0,2 Prozentpunkte geringer ausgefallen. Zusätzlich verstärkte die schrittweise Rücknahme der staatlichen Benzinpreisbremse den Inflationsdruck. Die im April eingeführte Entlastung von 5 Cent je Liter wurde sukzessive reduziert und beträgt aktuell nur noch 0,8 Cent je Liter.

EZB dürfte im September nochmal nachlegen

Hohe Energiepreise wirken nicht nur auf die aktuelle Inflation, sondern auch auf die Inflationserwartungen. Über höhere Transport- und Produktionskosten sowie steigende Lohnforderungen besteht das Risiko, dass sich der Preisdruck auf weitere Bereiche der Wirtschaft ausweitet. „Wir erwarten für Österreich im Jahr 2026 eine durchschnittliche Inflation von 3,2 Prozent. Auch im Euroraum dürfte die Teuerungsrate mit 2,9 Prozent oberhalb des EZB-Ziels liegen“, sagt Pudschedl.

Für die Europäische Zentralbank bleibt die Lage damit herausfordernd. Während sich die Rohölmärkte beruhigt haben, verhindern hohe Raffineriemargen und Kapazitätsengpässe einen stärkeren Rückgang der Energiekosten. „Die geopolitischen Risiken im Nahen Osten, die Unsicherheit auf den Energiemärkten und die robuste Entwicklung der Arbeitsmärkte sprechen dafür, dass die EZB ihren Straffungszyklus noch nicht abgeschlossen hat. Wir rechnen daher weiterhin mit einer Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte bei der September-Sitzung“, so Bruckbauer. Unter der Annahme, dass es zu keiner weiteren Eskalation an den Energie- und Rohstoffmärkten kommt, dürfte diese Zinserhöhung den Endpunkt des aktuellen Straffungszyklus markieren. Der Einlagensatz würde damit seinen Höchststand von 2,50 Prozent erreichen.

Die Risiken bleiben jedoch erhöht. Anhaltende Raffinerieengpässe, eine Verschärfung der geopolitischen Spannungen oder zusätzliche Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln könnten den Inflationsrückgang verzögern und eine länger restriktive Geldpolitik erforderlich machen.

UniCredit Bank Austria/IJ

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