KI-Wachstum wird zur Kapitalfrage
Die Finanzierung wird zum entscheidenden Faktor im KI-Wettlauf. Darauf weist Kurt Feuerman, Chief Investment Officer – Select US Equity Portfolios bei AllianceBernstein, mit Blick auf die angekündigte Kapitalaufnahme von Alphabet hin. Die Google-Mutter will rund 80 Milliarden US-Dollar für den Ausbau ihrer KI-Infrastruktur aufbringen. Für Feuerman ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass sich die Spielregeln im KI-Zeitalter verändern.

Von der Hardware-Knappheit zur Finanzierungskapazität
In der ersten Phase des KI-Booms standen vor allem physische Engpässe im Mittelpunkt: GPUs, Rechenzentren, Speicher, Stromversorgung und Netzkapazitäten. Künftig könnte jedoch ein anderer Faktor entscheidend werden: die Fähigkeit, KI-Infrastruktur effizient und nachhaltig zu finanzieren. „Das knappe Gut im KI-Zeitalter ist nicht mehr nur die GPU. Es ist das finanzierbare Megawatt“, erklärt Feuerman. Gemeint ist Rechenleistung, die durch Energie, Grundstücke, Kühlung, Netzwerke und eine tragfähige Kapitalstruktur abgesichert ist.
Das Signal von Alphabet
Dass Alphabet trotz hoher Profitabilität und starker Cashflows frisches Kapital aufnimmt, sieht Feuerman als strategische Entscheidung. „Die Chance ist zu groß, die Ausgabenkurve zu steil und die Unsicherheit zu hoch, um den gesamten KI-Ausbau allein aus internem Cashflow und zusätzlicher Verschuldung zu finanzieren.“ KI stelle damit das bisherige Modell der kapitalarmen Technologieunternehmen infrage. Obwohl die Wertschöpfung weiterhin softwaregetrieben sei, werde die dafür notwendige Infrastruktur immer kapitalintensiver. Der KI-Ausbau entwickle sich von einem normalen Investitionszyklus zu einem umfassenden Kapitalbildungszyklus.
Berkshire Hathaway als strategischer Partner
Besondere Aufmerksamkeit verdient laut Feuerman die Beteiligung von Berkshire Hathaway, das zehn Milliarden US-Dollar investiert. Damit stelle Berkshire genau das bereit, was zunehmend knapp werde: langfristiges und geduldiges Kapital. Zugleich senke die Beteiligung die wahrgenommenen Kapitalkosten. Für Feuerman ist dies ein Hinweis darauf, dass bei KI-Projekten nicht nur technologische, sondern auch finanzielle Stärke immer wichtiger wird.
Eigenkapital statt Fremdkapital
Die Wahl der Finanzierungsform ist aus Sicht des Experten ebenfalls bemerkenswert. KI-Infrastruktur sei zwar langfristig angelegt, gleichzeitig entwickle sich die zugrunde liegende Technologie äußerst schnell weiter. „Eigenkapital ist besser geeignet als Fremdkapital, um mit dieser Art von Unsicherheit umzugehen“, so Feuerman. Es könne Verzögerungen, geringere Auslastung oder schwankende Erträge auffangen, ohne feste Rückzahlungsverpflichtungen auszulösen.
Kapitaleffizienz rückt in den Fokus
Während die erste KI-Phase vor allem Knappheit belohnt habe, könnte künftig die Kapitaleffizienz über den Erfolg entscheiden. Investoren sollten daher stärker darauf achten, welche Unternehmen die Kosten nutzbarer Rechenleistung senken, Produktivität steigern oder tragfähige Geschäftsmodelle schaffen. „Unternehmen, die in KI investieren, werden technische Leistungsfähigkeit stärker mit Finanzierungsdisziplin in Einklang bringen müssen“, sagt Feuerman.
Qualität statt bloßer Kapazität
Nicht jede zusätzliche Rechenkapazität werde automatisch Wert schaffen. Entscheidend seien künftig Auslastung, Finanzierungskosten und die tatsächliche Nachfrage. „Ein Megawatt, das durch Nachfrage und günstiges Kapital abgesichert ist, sollte deutlich wertvoller sein“, betont Feuerman. Entsprechend werde der Markt selektiver. Unternehmen müssten zeigen, dass sie Rechenleistung in konkrete Anwendungsfälle, Produktivitätsgewinne und Umsätze übersetzen können.
Was Anleger beachten sollten
Für Aktieninvestoren markiert Alphabets Kapitalaufnahme nach Einschätzung des Experten den Beginn einer neuen Phase des KI-Ausbaus. Technologie allein werde künftig nicht mehr ausreichen. „KI-Gewinner müssen Infrastruktur, Nachfrage und Kapitalstruktur miteinander verbinden, um dauerhafte Renditen zu erzielen“, so Feuerman. Zu den Verlierern könnten dagegen Unternehmen gehören, die zwar überzeugende Technologiekonzepte präsentieren, deren Finanzierungsmodelle jedoch nicht tragfähig sind. Für Anleger wird damit die Fähigkeit wichtiger, zwischen technologischer Innovation und nachhaltiger Wirtschaftlichkeit zu unterscheiden.
AllianceBernstein/IJ