1. Juni 2026

Marktstress offenbart alte Risiken

Geopolitische Spannungen, volatile Märkte und wirtschaftliche Unsicherheiten rücken bewährte Anlagestrategien wieder stärker in den Fokus. Für Peter Branner, Chief Investment Officer bei Aberdeen Investments, sind gerade Phasen erhöhter Unsicherheit ein wichtiger Stresstest für Portfolios. Entscheidend sei nicht, kurzfristige Entwicklungen vorherzusagen, sondern auf Liquidität, Diversifikation und eine disziplinierte Portfoliokonstruktion zu setzen.

Lehren aus der Geschichte: Liquidität, Klarheit und Vorsicht bei Leverage

Peter Branner, Chief Investment Officer bei Aberdeen Investments

Marktstress macht laut Branner bestehende Schwachstellen sichtbar. Die Geschichte zeige, dass Liquidität in Krisenzeiten oft den Unterschied zwischen Handlungsfähigkeit und erzwungenen Entscheidungen ausmacht. Ebenso wichtig sei ein klares Verständnis der im Portfolio enthaltenen Geschäftsmodelle, Cashflows und Bewertungen. Auch Hebelwirkungen bleiben ein zentrales Risiko. Die Finanzkrise 2008 habe gezeigt, dass Investments, die vor allem durch Fremdfinanzierung attraktiv erscheinen, in Stressphasen besonders anfällig sind. Leverage könne Renditen steigern, verstärke jedoch Verluste ebenso deutlich.

Disziplin statt Prognose

Diese Erfahrungen prägen den Investmentansatz von Aberdeen. Statt auf kurzfristige Marktprognosen zu setzen, stehen Diversifikation, Szenarioanalysen und ein disziplinierter Investmentprozess im Mittelpunkt. In einem Umfeld, in dem Schocks oft schneller eintreten als erwartet, sei besonnenes Handeln wichtiger als kurzfristige Reaktionen.

Zentrale Themen der kommenden Monate

Geopolitik: Risiken weiterhin im Fokus

Trotz des derzeitigen Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran bleibt die Lage fragil. Aberdeen rechnet zwar mit einer schrittweisen Öffnung der Straße von Hormus, sieht jedoch weiterhin Risiken durch mögliche Eskalationen oder Störungen auf den Energiemärkten. Geopolitische Unsicherheiten könnten Inflation und Marktvolatilität erhöhen. Kurzfristiges Market Timing sei deshalb schwierig. Umso wichtiger seien langfristige Anlagethemen, robuste Diversifikation und die Rolle des US-Dollars als Absicherungsinstrument.

Konjunktur: Weiteres Wachstum – leicht abgeschwächt

Ein Ölpreis von rund 100 US-Dollar je Barrel dürfte das globale Wachstum zwar etwas bremsen und die Inflation erhöhen, insgesamt bleibt das wirtschaftliche Umfeld laut Aberdeen aber solide. Erwartet werden weltweit 3,2 % Wachstum und 4,0 % Inflation. Fiskalische Impulse, Investitionen in Künstliche Intelligenz und nachlassende Handelsunsicherheiten stützen die Konjunktur. Risiken bestehen vor allem bei einem stärkeren Anstieg der Energiepreise, etwa durch eine länger anhaltende Blockade der Straße von Hormus.

Aktien bleiben aussichtsreich – mit mehr Vorsicht

Der Ausblick für Aktien bleibt positiv, auch wenn Aberdeen nach der starken Markterholung vorsichtiger geworden ist. In den Industrieländern werden die Märkte weiterhin von soliden Unternehmensgewinnen, KI-Investitionen und wirtschaftlichem Wachstum unterstützt. US-Aktien gelten als robust, Europa erscheint attraktiv bewertet und Japan profitiert von Reformen. Schwellenländer bleiben langfristig interessant, insbesondere aufgrund ihrer Bedeutung für globale Lieferketten. Insgesamt werden Risiken neu gewichtet, aber nicht grundsätzlich reduziert.

Anleihen: Diversifikation mit Einschränkungen

Anleihen bleiben ein wichtiger Diversifikationsbaustein, insbesondere bei schwächerem Wachstum. Gleichzeitig sorgen höhere Inflation, steigende Staatsausgaben und strukturelle Unsicherheiten für Druck auf Renditen und Zinsmärkte. Schwellenländeranleihen bleiben selektiv interessant, vor allem in Lateinamerika. Auch Kreditmärkte bieten weiterhin attraktive Ertragschancen, erfordern jedoch eine stärkere Differenzierung.

Private Märkte: Fokus auf Infrastruktur

Im Bereich der privaten Märkte sieht Aberdeen insbesondere Infrastrukturinvestments attraktiv positioniert. Langfristige Trends wie Energiewende, Digitalisierung und Mobilität sorgen für anhaltenden Investitionsbedarf. Auch Immobilien profitieren weiterhin von einer hohen Nachfrage und einem begrenzten Angebot. Höhere Anleiherenditen führen jedoch zu mehr Unsicherheit bei den Bewertungen.

Disziplin zahlt sich aus

Nach dem starken Marktaufschwung haben sich die Risikobalancen verschoben. Aberdeen bleibt investiert, setzt jedoch verstärkt auf Diversifikation und stabile Ertragsquellen. „Entscheidend bleibt, zu verstehen, was im Portfolio gehalten wird, aus welchen Gründen und ob es robust genug ist, Unsicherheit zu absorbieren, ohne Entscheidungen im falschen Moment erzwingen zu müssen“, betont Branner. Volatilität sei ein fester Bestandteil des Investierens – gut vorbereitete Anleger könnten sie jedoch gezielt für sich nutzen.

Aberdeen/IJ

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