Wie die Wirtschaft vom Faktor Frau profitieren kann
Die Gleichstellung und Förderung von Frauen sind in jedem Unternehmen für den langfristigen geschäftlichen Erfolg entscheidend. Aufbauend auf ein Erfolgskonzept aus Japan werfen wir einen Blick auch auf sich noch entwickelnde Volkswirtschaften, die vom Faktor Frau profitieren können – mit Zusatzpotential für Anleger.
Ein Beitrag von Basak Yavuz, Co-Head des Bereichs Emerging Markets Equity bei Goldman Sachs Asset Management:

Vielfältige, inklusive Teams können ein Umfeld schaffen, in dem unterschiedliche Perspektiven zu besseren Investmentergebnissen führen. Wir sind überzeugt, dass gemischte Teams besser abschneiden können. Gleichwohl: Weltweit sind nur 14 % der Personen im Fondsmanagement weiblich; in den USA beträgt der Frauenanteil lediglich 11 %. Bei auf Schwellenländeraktien spezialisierten Fonds sieht es sehr ähnlich aus: nur ganz wenige Frauen. Zudem ist das Einstellen von Frauen zwar ein erster Schritt, aber auch nicht mehr, da Diversität und Gleichstellung nur gemeinsam zum Erfolg führen können.
Stichwort: Womenomics. Das ist ein Konzept, das 1999 von der damaligen Chefstrategin von Goldman Sachs in Japan, Kathy Matsui, und dem Goldman Sachs Research geprägt wurde – mit Blick auf die geschlechtsspezifische Beschäftigungslücke Japans in Verbindung mit dem BIP. Eine Erkenntnis: Wirkliche und langfristige Vorteile zeigen sich nur dann, wenn Frauen auch Führungspositionen haben.
Chancen in Schwellenländern
Es bleibt noch viel zu tun. Beispiel: Schwellenländer. Sie bieten dank ihres Potenzials an Wirtschaftswachstum und ihrer jungen, schnell wachsenden Bevölkerung eine unglaubliche Chance für eine kräftige Alphagenerierung. Mit der Einbeziehung und Gleichstellung eines wichtigen, aber häufig ausgeschlossenen Teils der Bevölkerung – den Frauen – ist diese Chance sogar noch größer. Allerdings: Die Mehrheit dieser Bevölkerungsgruppe ist finanziell ausgeschlossen, da rund 60 % der Frauen in den Schwellenländern keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben. Für Frauen ist dieser systematische Ausschluss eine zusätzliche Belastung – die sie stärker daran hindern kann, finanzielle Freiheit zu erreichen, Vermögen aufzubauen, Firmen zu gründen und vieles mehr.
Frauen treffen die meisten Verbraucherentscheidungen
Der Schaden, den dieser Ausschluss anrichtet, wird noch dadurch verschlimmert, dass es in der Regel Frauen sind, die die Ausgabeentscheidungen im Haushalt treffen. Auch in meiner Familie ist das schon seit vielen Generationen so. Im Schnitt gaben etwa 90 % der Frauen an, dass sie für das tägliche Einkaufen verantwortlich oder mitverantwortlich sind – während dies bei nur rund 40 % der Männer der Fall ist. Im Jahr 2019 beliefen sich die von Frauen getätigten Konsumausgaben auf etwa 30 Billionen USD. Da Frauen die Mehrzahl der Verbraucherentscheidungen treffen, sollten sich Unternehmen unbedingt an dieser Zielgruppe orientieren.
Denn: Erfolgreiche Unternehmen müssen die Gesellschaft um sie herum widerspiegeln. Dies ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der Rentabilität. Unternehmen, die Gleichstellung einen hohen Stellenwert einräumen, haben bessere Chancen, ihre vielfältige Kundenbasis besser zu verstehen, passende Produkte zu entwickeln, die richtige Marketingbotschaft zu vertreten – und das enorm wichtige Bündnis zwischen Marke und Vertrauen aufrechtzuerhalten. Wir sind überzeugt, dass die Schwellenländer eine Riesenchance darstellen und davon profitieren können, wenn das Womenomics-Konzept umgesetzt und weiterentwickelt wird.
Proof of Concept sowohl in Japan als auch in Europa
Für ein Land wie Japan, das in puncto Geschlechtervielfalt im Vergleich zu vielen anderen Ländern stark aufholen musste, war Womenomics entscheidend. Japan hatte zeitweise eine Rekordbeteiligungsquote von Frauen von ~ 70%. Das ist höher als in den USA und in Europa. In Japan gibt es zudem eine der großzügigsten Elternzeitregelungen weltweit, bessere Geschlechtertransparenz und mehr Lohngleichheit. Daher weist das Land ein beständigeres BIP-Wachstum und verhältnismäßig bessere Unternehmensergebnisse auf.
Ähnlich wie Japan war auch Europa mit mehr Fokus auf Einbeziehung und Gleichstellung von Frauen erfolgreich. In Europa ist die Erwerbsquote von Frauen in allen Altersgruppen gestiegen, vor allem jedoch in den Hauptverdienstjahren. Das ist zum Teil weiter optimierter Elternzeit und mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu verdanken. Während das Lohngefälle in Europa unterschiedlich sein kann, ist es in den meisten Ländern immer noch niedriger als bespielsweise in den USA.
Frauen nicht nur einstellen, sondern auch führen lassen
Darüber hinaus ist der Anteil von Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten der STOXX-600-Unternehmen seit 2005 um etwa 20 % gestiegen. Wie Europa zudem gezeigt hat, ist es zwar von Vorteil, mehr Frauen einzustellen – aber noch viel wichtiger ist für eine Outperformance des Aktienkurses, dass Frauen in gehobene Führungspositionen kommen. Es sind zwar immer noch Fortschritte vonnöten – aber: Japan und Europa haben bewiesen, dass die Einbeziehung und Förderung von Frauen nicht nur gut für die Gesellschaft, sondern auch für die Wirtschaft ist.
GSAM/ij