USA: Schuldenfrage 2027
Die US-Midterms am 3. November dürften vor allem darüber entscheiden, welche Ausgabenschwerpunkte Washington künftig setzt. Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE, sieht jedoch unabhängig vom Wahlausgang ein gemeinsames Problem: Sowohl Demokraten als auch Republikaner setzen auf eine hohe staatliche Verschuldung. Damit rücken die Schuldenobergrenze, steigende Zinskosten und der zunehmende Wettbewerb um Kapital in den Fokus.
Schuldenobergrenze droht zum politischen Konflikt zu werden
Aktuell deuten Umfragen auf Vorteile der Demokraten im Rennen um das Repräsentantenhaus hin, während die Mehrheitsverhältnisse im Senat deutlich offener sind. Ein demokratisches Repräsentantenhaus bei republikanischem Senat bleibt damit möglich, eine republikanische Kontrolle beider Kammern gilt hingegen als eher unwahrscheinlich.

Die politischen Schwerpunkte unterscheiden sich deutlich: Die Demokraten würden höhere Ausgaben für Gesundheitswesen, öffentliche Infrastruktur und Energiewende anstreben. Die Republikaner dürften Steuersenkungen, Deregulierung und höhere Verteidigungsausgaben in den Vordergrund rücken. Finanziert werden soll beides weitgehend über zusätzliche Staatsschulden.
Die derzeitige Schuldenobergrenze liegt bei 41,1 Billionen US-Dollar, während die Staatsschulden bereits über 40 Billionen US-Dollar liegen. Nach einer breiter gefassten IWF-Analyse beträgt die Bruttoverschuldung aller staatlichen Stellen rund 126 % des BIP. Bei einem Haushaltsdefizit von 6 % des BIP könnte die Schuldenobergrenze laut Bipartisan Policy Center zwischen Frühjahr und Mitte 2027 erreicht werden. Das würde nicht unmittelbar einen Zahlungsausfall bedeuten, da das US-Finanzministerium zunächst noch einige Monate mit außerordentlichen Maßnahmen überbrücken könnte. Wird die Frage jedoch nicht vor dem 3. Januar 2027 gelöst, drohen im kommenden Jahr erhebliche politische Spannungen und damit auch höhere Volatilität an den Finanzmärkten.
Steigende Zinskosten belasten den US-Haushalt
Neben der Schuldenobergrenze stellt sich die Frage, zu welchen Kosten sich der Staat künftig refinanzieren kann. Laut Congressional Budget Office liegt die Zinslast bereits bei 3,3 % des BIP und damit über dem Verteidigungsbudget. Da ein Teil der bestehenden Schulden noch zu den sehr niedrigen Zinsen vor 2022 aufgenommen wurde, dürfte die Belastung bei höheren Schuldenständen und höheren Refinanzierungskosten weiter steigen.
Im Februar 2026 rechnete das CBO für 2036 bereits mit einer Nettozinslast von 4,6 % des BIP. Seither sind die Zinsen erneut gestiegen, wodurch auch diese Belastung höher ausfallen könnte.Gleichzeitig konkurriert die Finanzierung des US-Staates zunehmend mit dem Kapitalbedarf des KI-Ökosystems. Unternehmen müssen enorme Investitionen finanzieren, wodurch der Wettbewerb um Ersparnisse zunimmt. Laut BlackRock-Chef Larry Fink könnte der Kampf um Kapital in den USA deshalb so intensiv werden wie selten zuvor.
Für Bienvenu ist damit entscheidend, dass KI-Investitionen tatsächlich deutliche Produktivitätssteigerungen bringen. Bleiben diese aus, dürfte sich der stärkere Wettbewerb um Kapital in höheren Kapitalkosten niederschlagen. Die Entwicklung der US-Staatsschulden ist damit eng mit dem Erfolg der KI-Investitionen verbunden.
Eigentliche Bewährungsprobe kommt im Jahr 2027
Aktuell erhalten sowohl die meisten KI-Unternehmen als auch der US-Staat weiterhin vergleichsweise problemlos Kapital. Die Schuldenfrage kann deshalb kurzfristig in den Hintergrund treten. Die eigentliche Bewährungsprobe könnte jedoch 2027 folgen. Dann müssen die neu gewählten politischen Entscheidungsträger amerikanische und internationale Investoren davon überzeugen, die USA weiterhin zu tragbaren Kosten zu finanzieren – in einem Umfeld, in dem der Wettbewerb um Kapital deutlich zunimmt.
LFDE/IJ