Ölschock hält die Inflation hoch
Die weltweiten Konjunkturdaten deuten auf eine leichte Wachstumsverbesserung hin, während die Inflation vielerorts über den Zielwerten bleibt. Jan Felix Gloeckner, Senior Investment Specialist bei Insight Investment, sieht vor allem den anhaltenden Ölschock als Belastungsfaktor. Die Auswirkungen dürften in Europa und Asien besonders stark zu spüren sein, wo große Energieimporteure stärkerem Kostendruck ausgesetzt sind.

Steigende Vorleistungs- und Produktionskosten sowie längere Lieferzeiten zeigen, dass sich Energie- und geopolitische Belastungen zunehmend übertragen. Solange der Ölschock anhält, dürfte auch der kurzfristige Inflationsdruck bestehen bleiben.
USA: BIP-Wachstum bei knapp 2 %
Insight Investment geht davon aus, dass das US-BIP sowohl 2026 als auch 2027 um knapp 2 % wachsen wird. Unterstützung kommt vom anhaltenden Ausbau der Digital- und KI-Infrastruktur. Die Inflation dürfte bei einem Fortbestand des Abkommens zwischen den USA und dem Iran 2026 bei 3,4 % liegen und sich 2027 auf 2,5 % verlangsamen.
Ein erneutes Aufflammen des Konflikts würde die Risiken für Wachstum und Inflation erhöhen. Gloeckner erwartet dennoch, dass die Fed die Zinsen zunächst unverändert lässt, während sie die Auswirkungen des Energiepreisschocks auf Beschäftigung und Inflation bewertet. Kurzfristiger Preisdruck könnte mögliche Zinssenkungen verzögern. Entscheidend dürfte die Dauer des Ölversorgungsschocks sein. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen dürften in einem Jahr nahe dem aktuellen Niveau von rund 4,40 % liegen. Bei kürzeren Laufzeiten werden im Zeitverlauf Renditen von unter 4 % erwartet.
Eurozone: Gesamtinflation könnte bei 2,7 % bleiben
Vor dem Krieg im Nahen Osten hatten sich die Frühindikatoren für die Eurozone relativ widerstandsfähig gezeigt. Spanien führte die Erholung an, während das Wachstum in Deutschland und Frankreich schwach blieb und sich in Italien verlangsamte. Im verarbeitenden Gewerbe zeigen sich inzwischen Anzeichen einer Erholung. Ein positives Reallohnwachstum könnte den Konsum 2026 stützen, allerdings bleiben die Sparquoten hoch und das Verbrauchervertrauen infolge des Konflikts und höherer Inflationserwartungen gering. Insight Investment erwartet für 2026 ein BIP-Wachstum von rund 0,5 %, das sich 2027 auf 1 % verbessern könnte.
Die Gesamtinflation dürfte mit 2,7 % im Jahr 2026 weiterhin über dem 2-Prozent-Ziel der EZB liegen und 2027 auf knapp 2,3 % zurückgehen. Nachdem die EZB die Zinsen bereits einmal angehoben hat, rechnet Gloeckner mit einer weiteren Zinserhöhung, bevor die Notenbank bei nachlassender Inflation eine Pause einlegt und die Geldpolitik schrittweise wieder lockert. Für zehnjährige deutsche Staatsanleihen werden in einem Jahr Renditen von etwa 2,9 % erwartet.
Investment-Grade-Anleihen
Die Spreads von Investment-Grade-Anleihen haben sich im zweiten Quartal deutlich verengt. Unterstützt wurde die Entwicklung durch starke Unternehmensgewinne und Hoffnungen auf eine Deeskalation im Nahen Osten. Die Bewertungen näherten sich dadurch wieder den niedrigsten Niveaus seit der globalen Finanzkrise. Hohe Gesamtrenditen sorgen trotz eines hohen Primärangebots weiterhin für Nachfrage. Ein wesentlicher Teil der Neuemissionen kommt von großen Technologieunternehmen, deren Finanzierungsbedarf für Investitionen hoch bleibt. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, dürfte das Gewicht des Technologiesektors in den wichtigsten Anleiheindizes steigen.
Insight Investment bleibt taktisch positiv für die US- und Euro-Märkte, gestützt durch das hohe absolute Renditeniveau. Das starke Angebot aus dem Technologiesektor übt allerdings Druck auf die Spreads aus und eröffnet nach Einschätzung des Hauses Möglichkeiten für selektive Zukäufe. Die zunehmende Streuung unterstreicht zugleich die Bedeutung einer sorgfältigen Wertpapierauswahl.
High-Yield Märkte erweisen sich als widerstandsfähig
Trotz des volatilen globalen Umfelds zeigen sich die Hochzinsmärkte weiterhin widerstandsfähig. Viele Emittenten bauen aktiv Schulden ab und verwalten ihre Bilanzen diszipliniert. Gleichzeitig nimmt die Differenzierung zwischen einzelnen Unternehmen zu. Ein wesentlicher Treiber ist künstliche Intelligenz: Sie schafft neues Angebot zur Finanzierung des Infrastrukturausbaus, setzt zugleich aber bestehende Geschäftsmodelle unter Druck – insbesondere im Software-Sektor.
Aufgrund der stärkeren Wachstumsaussichten und des besseren Schutzes vor höheren Energiepreisen bevorzugt Insight Investment US-Emissionen. Die Ausfallraten bleiben im historischen Vergleich niedrig. Chancen sieht das Haus unter anderem in den Bereichen Telekommunikation und Gesundheitswesen sowie in Branchen, die bei einer erneuten Eskalation im Nahen Osten voraussichtlich weniger stark betroffen wären.
Insight Investments/IJ