KI-Euphorie trifft auf Zinsrealität
Künstliche Intelligenz bleibt ein wichtiger Treiber der Aktienmärkte, doch der Boom erhöht zugleich die Abhängigkeiten zwischen Branchen und erschwert eine wirksame Diversifizierung. Nelson Yu, Senior Vice President und Head of Equities bei AllianceBernstein, sieht vor allem steigende Zinsen, hohe Bewertungen und die Frage nach belastbaren Cashflows als zentrale Faktoren für die Aktienauswahl. Substanzwerte, ausgewählte europäische Aktien und Qualitätsunternehmen könnten dadurch an Bedeutung gewinnen.
Substanz schlägt Wachstum

Die globalen Aktienmärkte legten im dritten Quartal 2026 weiter zu. Der MSCI All Country World Index stieg um 1,6 %, getragen von japanischen Aktien und US-Standardwerten, während chinesische Aktien unter Druck gerieten. Gleichzeitig entwickelten sich Substanzwerte besser als Wachstumswerte: Der MSCI ACWI Value Index gewann im dritten Quartal 3,8 % und seit Jahresbeginn 16,1 %.
Besonders stark waren Energieaktien, unterstützt durch globale Nachfrage und Angebotsengpässe im Nahen Osten. Auch Gesundheits- und Grundstoffwerte legten zu. Zusätzliche Impulse kommen von Energieinvestitionen, höheren Verteidigungsausgaben und der Modernisierung industrieller Anlagen. Steigende Zinsen könnten diesen Anlagestil zusätzlich begünstigen, da Unternehmen mit heutigen Cashflows weniger stark von weit in der Zukunft liegenden Gewinnen abhängig sind.
Breit gestreut, doch einseitig investiert
Die Schwankungen im Technologiesektor erreichten im dritten Quartal ein Niveau, das zuletzt während des Dotcom-Crashs Anfang der 2000er-Jahre zu beobachten war. Besonders Halbleiteraktien zeigten starke Ausschläge. Ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor bleibt, ob sich die hohen Investitionen der großen Technologie- und Cloudkonzerne tatsächlich in entsprechend hohe Gewinne übersetzen lassen.
Gleichzeitig reicht der KI-Einfluss inzwischen weit über Technologie hinaus und erfasst Halbleiter, Rechenzentren, Energie, Maschinenbau und Bauwirtschaft. Dadurch wird Diversifizierung schwieriger: Das KI-bezogene Aktienuniversum ist seit Ende 2023 deutlich gewachsen und weist laut AllianceBernstein inzwischen eine mehr als doppelt so hohe Volatilität wie der Gesamtmarkt auf, gemessen an einem Beta von über zwei. Unterschiedliche Branchen bedeuten daher nicht automatisch unterschiedliche Risikotreiber.
Europas Börsen spielen ihre eigenen Trümpfe
Regionale Diversifizierung kann helfen, die Abhängigkeit vom dominierenden KI-Thema zu reduzieren. US-Aktien und asiatische Schwellenmärkte weisen laut Analyse eine vergleichsweise hohe Korrelation zu KI-Titeln auf, während europäische und japanische Aktien sowie andere Teile der Schwellenmärkte weniger stark mit diesem Trend verbunden sind.
Europäische Industrie- und Finanzwerte bieten Wachstumsperspektiven jenseits des KI-Booms. Auch Gesundheitswerte können von KI profitieren, ohne stark mit dem KI-Aktiensegment zu korrelieren. Weitere Diversifizierungsmöglichkeiten finden sich bei Energie- und Chemieunternehmen. Entscheidend bleibt jedoch die konkrete Marktstruktur: Südkorea ist beispielsweise stark von Halbleiter- und Speicherchipunternehmen geprägt, während andere Schwellenländer Chancen außerhalb des Technologiesektors bieten.
Auch kleinere Unternehmen können KI nutzen, ohne in gleichem Maße von den hohen Infrastrukturinvestitionen der Hyperscaler abhängig zu sein. Ausgewählte Nebenwerte könnten die Technologie einsetzen, um Produktivität zu steigern und freie Cashflows zu erwirtschaften.
Cashflow statt Zukunftsversprechen
Das höhere Zinsniveau erhöht zusätzlich den Bewertungsdruck. Zum Ende des dritten Quartals lag die durchschnittliche Rendite globaler Staatsanleihen laut Bloomberg bei nahezu 4 % und damit auf dem höchsten Stand seit 2007. Höhere Abzinsungssätze reduzieren den heutigen Wert künftiger Gewinne und treffen insbesondere Unternehmen, deren Bewertung stark auf langfristigen Wachstumserwartungen beruht.
Im Vorteil sind Unternehmen mit verlässlichen freien Cashflows, robusten Bilanzen, wiederkehrenden Einnahmen und nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen. Solche Qualitätsunternehmen finden sich auch außerhalb der klassischen KI-Gewinner, etwa im Gesundheitswesen, bei Energie- und Chemieunternehmen sowie bei ausgewählten Finanz- und Industriewerten.
Qualität statt einseitiger KI-Wetten
Für Anleger wird es wichtiger, Unternehmen mit nachhaltigem Gewinnpotenzial zu identifizieren und unterschiedliche Ertragstreiber miteinander zu kombinieren. KI bleibt ein bedeutender Wachstumstreiber, doch echte Diversifizierung entsteht nicht allein durch Investments in verschiedene Branchen. Entscheidend ist vielmehr, ob sich die Erträge der Unternehmen tatsächlich aus unterschiedlichen wirtschaftlichen Faktoren speisen. Mit steigenden Zinsen und einem breiteren KI-Einfluss gewinnen daher Unternehmensqualität, Bewertung und belastbare Cashflows weiter an Bedeutung.
AllianceBernstein/IJ