19. Juli 2022

Investieren trotz Rezessionsangst

Fallende Kurse und sinkende Konjunkturprognosen verunsichern die Investoren, die Angst vor der Rezession geht um. Wie Anleger nun am besten ihre Depots schützen, erklärt Shanna Strauss-Frank, Österreich-Sprecherin der Investmentgesellschaft Freedom Finance.

Shanna Strauss-Frank, Österreich-Sprecherin bei Freedom Finance
Shanna Strauss-Frank, Österreich-Sprecherin bei Freedom Finance

Die immer niedrigeren Prognosen und die ständig steigenden Preise schüren die Befürchtung, dass die wirtschaftliche Erholung nicht nur abflachen, sondern sogar enden könnte und die Wirtschaft erneut in eine Rezession gerät.

Rezession im Herbst?

Die entwickelten Volkswirtschaften, von denen die globalen Prozesse in hohem Maße abhängen, sind aufgrund der hohen Inflation bereits in Schwierigkeiten geraten. „In den USA beispielsweise lag der Erzeugerpreisindex im Mai bei 10,8 % und damit auf dem höchsten Stand seit 35 Jahren, während in Österreich die Erzeugerpreise im produzierenden Bereich im Vergleich zum Mai letzten Jahres um 20,9 % gestiegen sind, wodurch sich die Preisdynamik hierzulande zumindest erstmals seit Mai 2021 nicht weiter beschleunigt hat. Europa könnte aufgrund der steigenden Energiepreise und des Nachfragerückgangs bis Mitte des Herbstes in eine wirtschaftliche Rezession geraten“, erklärt Strauss-Frank.

Zentralbanken reagieren

Regierungen und Anleger erwarten nun die Reaktionen der Zentralbanken. So hat die Europäische Zentralbank bereits den Leitzins angehoben, wenn auch weniger stark als die Fed, um die Inflation zu bekämpfen. Aber auch die EZB tat sich lange Zeit schwer mit diesem Schritt, weil er zwangsläufig das Wirtschaftswachstum bremst. Dennoch war der Schritt notwendig. Mehr als 60 Zentralbanken auf der ganzen Welt handeln inzwischen in ähnlicher Weise. Neben den Zentralbanken sind auch die politischen Unwägbarkeiten mit einzukalkulieren: „Auch die Geopolitik wird eine große Rolle spielen, denn die aktuell hohe Inflation ist vor allem auf die hohen Preise für Energie, Rohstoffe und Nahrungsmittel zurückzuführen“, so Strauss-Frank. 

Zombie-Aktien abstoßen

Was sollten Anleger also beachten? Zuerst die Spreu vom Weizen trennen und schwache Unternehmen aus dem Portfolio verbannen. Allgemein spricht man hier von Zombie-Unternehmen, die ihren gesamten Cashflow verwenden müssen, um ihre Schuldenlast zu bedienen und daher keine liquiden Mittel für Wachstum oder neue Investitionen vorhalten können. Im schlimmsten Fall können Zombies noch nicht einmal mehr die eigene Zinslast aus eigenen Mitteln bestreiten und es werden externe „Finanzspritzen“ wie eine Kapitalerhöhung nötig. In einem ersten Schritt sollten Investoren die Zombies aus ihrem Portfolio schnellstmöglich entfernen, da die Wahrscheinlichkeit eines Konkurses recht hoch ist. 

Spannend: Lebensmittelaktien

Eigentlich gibt es in Rezessionen keine Gewinner, aber manche Sektoren trifft es weniger hart als andere. Unabhängig von der wirtschaftlichen Lage werden Menschen zum Beispiel immer Lebensmittel kaufen müssen. Es mag zwar sein, dass ein Lebensmittelkonzern aufgrund des allgemein vorherrschenden Pessimismus und der negativen Grundhaltung des Markts auch einen kleinen Abschwung in Kauf nehmen müssen, aber die Chancen einer Pleite sollten bei gut integrierten Konzernen sehr gering ausfallen. Hier dürften Anleger zuversichtlicher bleiben.

„Ein gut geführtes, vertikal integriertes Unternehmen, welches eine starke Performance in diesem Sektor aufweist, ist meiner Ansicht nach Fresh Del Monte [FDM], ein Händler von Obst und Gemüse. Über 43% der produzierten Waren werden bei diesem Konzern auf Feldern angebaut, die das Unternehmen direkt kontrolliert. Dabei ist die Aktie derzeit noch unterbewertet und unsere Analysten gehen hier von einem Kursaufschwung von bis zu 40% aus“, so Strauss-Frank.

Wichtig: Erneuerbare Energien

Ein weiterer Sektor, der eine Rezession traditionell besser übersteht als andere, ist die Energieversorgungsindustrie. Strom ist ein unelastisches Gut, auf das Menschen angewiesen bleiben. Doch durch die gegenwärtigen Konflikte, die zu Lieferengpässe bei fossilen Energieträgern führen, steigen die Preise für die Stromerzeugung und -versorgung. Ein hoher Energie- oder Ölpreis führt dazu, dass Unternehmen nach alternativen Stromquellen suchen, Investitionen in erneuerbare Energien verhältnismäßig günstiger erscheinen und eine lokalere und damit eine Versorgung unabhängig der politischen Lage versprechen.

Im Fokus: Risikoallokation

Das allerwichtigste im derzeitigen Marktumfeld sei allerdings ein vernünftiges Risikomanagement und nicht das gesamte Kapital in wenige Aktien zu stecken: „Es ist besser, im Voraus festzulegen, welchen Anteil des Gesamtkapitals man für eine Anlage allokieren möchte und mindestens 3-4 Einstiegspunkte zu bestimmen, um einen geeigneten Punkt zum Kauf zu finden“, weiß Strauss-Frank. 

Während einer Rezession lässt sich teilweise sehr günstig ein branchenübergreifendes Portfolio aufbauen, denn gerade straft die Börse Technologie hart ab, wobei viele der Amazons, Googles, oder Alibabas aufgrund ihrer marktbeherrschenden Stellung langfristig weiterhin attraktive Investments bleiben. Wer zurzeit auf genügend Kapital sitzt und dieses nicht kurzfristig benötigt, der kann in den kommenden Monaten in unterbewertete Marktteilnehmer investieren und dabei eine ausgewogene Portfoliostruktur beibehalten.

Freedom Finance/HK

Disclaimer: Performanceergebnisse der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung von Investments zu. Wert und Rendite einer Anlage in Fonds oder Aktien können steigen oder fallen. Anleger können gegebenenfalls auch weniger als das investierte Kapital ausgezahlt bekommen. Auch Währungsschwankungen können das Investment beeinflussen. Beachten Sie die Vorschriften für Werbung und Angebot von Anteilen im InvFG 2011 §128 ff. Die Informationen auf www.geld-magazin.at repräsentieren keine Empfehlungen für den Kauf, Verkauf oder das Halten von Wertpapieren, Fonds oder sonstigen Vermögensgegenständen. Die Inhalte von www.geld-magazin.at wurden sorgfältig erstellt, unbeabsichtigt fehlerhafte Darstellungen können jedoch nicht ausgeschlossen werden. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen kann daher nicht übernommen werden. Die 4profit Verlag GmbH lehnt jegliche Haftung für unmittelbare, konkrete oder sonstige Schäden ab, die im Zusammenhang mit den angebotenen oder sonstigen verfügbaren Informationen entstehen.

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