21. Juni 2022

EZB: Grüne Geldpolitik ist kein Thema mehr

Seit etwa einem Jahr ist es in Europa still geworden um die grüne Geldpolitik. Im Vertrag über die Arbeitsweise der EU steht, dass die EZB das Mandat habe, für Preisstabilität zu sorgen. Sie soll zudem die übrigen Ziele der Wirtschaftspolitik unterstützen, soweit dies nicht zulasten der Preisstabilität geht. Kommentar von Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management.

Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management
Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management

Eines dieser europäischen Sekundärziele ist der Klimaschutz. Für die EZB kann das in der politischen Praxis nur heißen, grüne Finanzinstitute und andere grüne Unternehmen gegenüber dem Rest der Wirtschaft zu bevorzugen, etwa in Form von Anreizen zur Verbilligung von Bankkrediten an grüne Schuldner oder gezielten Ankäufen grüner Wertpapiere.

Was ist grün oder nicht?

Es ist eine Art von Struktur- oder Industriepolitik und jedenfalls gut gemeint, auch wenn überhaupt nicht klar ist, wer denn eigentlich bestimmt, was grün ist oder nicht. Ist der französische Versorger Electricité de France, der 90% seines Stroms aus Atommeilern bekommt, grün, nicht aber die Volkswagen AG, heute zwar noch einer der größten Klimasünder, aber mit großem Einsatz dabei, das gesamte Angebot auf batteriegetriebene Autos umzustellen? Soll die EZB zur Beantwortung solcher Fragen weitere Analysten einstellen? Es wäre doch eher eine Aufgabe für ein künftiges europäisches Umweltministerium.

Inflationsrate steigt

Grüne Geldpolitik ist ganz klar ein Nebenschauplatz, wenn die Preisstabilität so sehr gefährdet ist wie heute. Die aktuelle Kerninflationsrate Eurolands liegt bei 3,8%, die Inflationserwartung für Mai 2023 bei 4%. Beides ist weit oberhalb des mittelfristigen Inflationsziels von 2%. Gestern gab es erneut sehr beunruhigende Zahlen aus Deutschland. Im Mai waren die gewerblichen Erzeugerpreise gegenüber dem Vormonat um 1,6% gestiegen, gegenüber dem Vorjahr um schockierende 33,5%; unter Ausschluss von Energieträgern waren es immer noch 1,1% und 16,2%. Inflationsmentalität macht sich breit. Das bedeutet, dass die EZB ihre gesamte Energie darauf verwenden muss, den Anstieg des Preisniveaus so schnell wie möglich abzubremsen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht vollends verlieren will. In der jüngeren Vergangenheit hat sie sich vor allem durch viel zu optimistische Inflationsprognosen hervorgetan.

Rezession vermeiden

Die EZB weiß offenbar nicht, wieso es auf einmal zu so hohen Inflationsraten gekommen ist. Für Angebotsschocks kann sie nichts – und sie lassen sich nicht vorhersagen, außerdem auch nicht durch Geldpolitik rückgängig machen. Ihre Antwort besteht im Augenblick darin, mit sehr kleinen Schritten den Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu vermindern, in der Hoffnung, dass nicht mehr nötig ist und es nicht zu einer Rezession kommt. So erwarten daher inzwischen beispielsweise die Analysten von UniCredit, einer Bank, dass die europäischen Leitzinsen in den nächsten drei Quartalen nur um 1,75 Prozentpunkte angehoben werden, inflationsbereinigt also weiterhin im negativen Bereich bleiben. Sie würden damit immer noch expansive Effekte haben.

Das Positivste, was sich über die grüne Geldpolitik sagen lässt, ist, dass sie zwar nicht viel bewirkt, aber auch nicht sonderlich schadet. Tendenziell bestärkt sie Unternehmen und Haushalte darin, mehr auf die Klimaeffekte ihrer Ausgaben zu achten. Und andere Zentralbanken, so die von England, Japan und China, sind ebenfalls auf dem grünen Trip. Weitere dürften folgen. Die EZB ist nicht allein.

Wermuth Asset Management/SJ

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