Autoindustrie Europa unter Druck
Nach dem „Annus Horribilis“ 2025 steht die europäische Automobilindustrie weiter unter Druck. Darauf weist Mark Heinrichs von DJE Kapital AG hin. Trumps Zollpolitik, die Transformation zur Elektromobilität sowie der zunehmende Wettbewerb durch chinesische Hersteller – sowohl im Heimatmarkt als auch global – haben sich zu einem „perfekten Sturm“ entwickelt. Entsprechend blieb der europäische Automobilsektor deutlich hinter dem breiten Markt zurück.
Diese Entwicklung spiegelt vor allem die gesunkenen Margen wider. Niedrigere Profitabilität bei Elektrofahrzeugen, intensiver Preiswettbewerb und zusätzliche Zollkosten haben die Margen unter Druck gesetzt. Historisch besteht eine enge Korrelation zwischen Margenentwicklung und Aktienperformance des Sektors – entsprechend stellt sich nun die Frage, ob der Tiefpunkt des Margenzyklus erreicht ist.
US-Zollpolitik

Die US-Zölle von aktuell 15 Prozent belasten die Hersteller spürbar. Je nach regionaler Aufstellung drücken sie die EBIT-Margen im Automobilsegment um ein bis zwei Prozentpunkte – ein erheblicher Effekt, da sich die Margen derzeit ohnehin im einstelligen Bereich bewegen.
Eine mögliche Entlastung könnte sich ergeben, wenn die EU ihre Zölle auf Autoimporte aus den USA senkt. Davon würden nicht nur US-Hersteller profitieren, sondern auch europäische Anbieter, die Fahrzeuge – insbesondere SUVs – in den USA produzieren und nach Europa exportieren. Gleichzeitig bleibt die Unsicherheit hoch: Die US-Politik zeigt sich weiterhin unberechenbar, und für 2026 ist zunächst von anhaltenden Importzöllen auszugehen.
Verbrennungsmotoren
Die EU-Kommission plant eine Anpassung des Verbrenner-Aus: Statt vollständiger Emissionsvermeidung sollen die Emissionen bis 2035 um 90 Prozent reduziert werden, während die restlichen Emissionen durch CO2-Kompensationsmaßnahmen wie E-Fuels oder nachhaltige Materialien ausgeglichen werden.
Dieser Ansatz dürfte den Übergang zur Elektromobilität nur leicht verlangsamen und bringt keinen signifikanten positiven Effekt für die Margen. Anders stellt sich die Situation in den USA dar: Die deutlich lockerere CO2-Regulierung eröffnet Herstellern mit Verbrennungsmotoren kurzfristig die Möglichkeit, ihren Margenmix zu verbessern.
EU-Import-Zölle
Die EU erhebt aktuell zehn Prozent Zölle auf Fahrzeuge aus China sowie zusätzliche Zölle von bis zu 35 Prozent auf Elektrofahrzeuge, abhängig von der Einschätzung staatlicher Subventionen. Alternativ können Hersteller durch Mindestpreisvereinbarungen Zusatzabgaben umgehen.
Chinesische Hersteller reagieren strategisch, indem sie Produktionskapazitäten in Europa aufbauen und verstärkt Hybridfahrzeuge exportieren, die nur dem Basiszoll unterliegen. Diskutierte Local-Content-Regeln sollen die europäische Wertschöpfung stärken, könnten jedoch gleichzeitig die Kosten erhöhen, da viele Fahrzeuge global integrierte Lieferketten aufweisen. Ein klarer positiver Margeneffekt ist daher nicht erkennbar.
Hersteller Maßnahmen
Die europäischen Hersteller setzen zunehmend auf eigene Maßnahmen, um den Turnaround zu erreichen. Im Fokus stehen neue, wettbewerbsfähige Modelle sowie sinkende Kostenstrukturen. Auf der IAA 2025 wurden zahlreiche neue Fahrzeuge vorgestellt, insbesondere im Elektrobereich, wo bereits deutliche Kostensenkungen erzielt wurden.
Ziel ist es, bis Ende der Dekade eine Margenparität zwischen Elektrofahrzeugen und Verbrennern zu erreichen. Allerdings werden die Effekte der aktuellen Modelloffensiven erst ab 2027 vollständig sichtbar, da Anlaufphasen Zeit benötigen. Gleichzeitig führen Kostensenkungsprogramme kurzfristig zu negativen Einmaleffekten, sodass auch 2026 noch belastet bleibt.
China Markt
China bleibt ein strukturelles Risiko für die Branche. Lokale Hersteller haben ihren Marktanteil auf rund 68 Prozent ausgebaut und verdrängen internationale Anbieter zunehmend. Die verlorenen Marktanteile sind angesichts veränderter Kundenpräferenzen nur schwer zurückzugewinnen.
Im Fokus steht daher die Stabilisierung auf niedrigerem Niveau – sowohl bei Absatzvolumen als auch bei Preisen. Erste Anzeichen einer Stabilisierung sind erkennbar, etwa durch konstante Marktanteile europäischer Hersteller, müssen sich jedoch im weiteren Jahresverlauf bestätigen.
Autonomes Fahren als Chance und Risiko
Autonomes Fahren stellt eine der fortschrittlichsten Anwendungen von „Physical AI“ dar. Viele traditionelle Hersteller stoßen bei der eigenständigen Entwicklung an Grenzen und setzen daher verstärkt auf Kooperationen mit Technologieunternehmen. Neue Plattformen ermöglichen es, Entwicklungsaufwand zu reduzieren und gleichzeitig zusätzliche Erlösquellen über Assistenzsysteme und Softwarelösungen zu erschließen. Langfristig besteht jedoch das Risiko, dass sich die Wertschöpfung zunehmend in Richtung Technologieanbieter verschiebt und klassische Hersteller an Bedeutung verlieren.
Fazit: 2026 könnte ein Übergangsjahr werden
Nach dem schwierigen Jahr 2025 dürfte 2026 ein Übergangsjahr bleiben. Kurzfristige Katalysatoren für eine schnelle Margenerholung sind nicht erkennbar, während strukturelle Anpassungen Zeit benötigen. Mittelfristig bestehen jedoch Chancen auf eine Erholung im Rahmen des historischen Zyklus. Entscheidend wird sein, welche Hersteller sich erfolgreich an die neuen Rahmenbedingungen anpassen können – und ob die Margen früherer Zyklen wieder erreicht werden.
DJE/IJ