9. März 2026

Asien unter Druck

Warum asiatische Aktienmärkte stärker auf den Nahostkonflikt reagiert haben als US-Märkte, erklärt Tim Murray, Kapitalmarktstratege Multi-Asset bei T. Rowe Price.

Tim Murray, Kapitalmarktstratege Multi-Asset bei T. Rowe Price

Der wichtigste wirtschaftliche Übertragungskanal des Konflikts ist die Energie. Die Märkte konzentrieren sich weniger auf direkte Handelsstörungen als auf das Risiko dauerhaft höherer Öl- und Gaspreise. Für Asien ist das besonders relevant. Die USA sind inzwischen Nettoenergieproduzent, während viele asiatische Volkswirtschaften große Energieimporteure bleiben. Höhere Energiepreise können Teile des US-Marktes – insbesondere den Energiesektor – stützen, belasten jedoch Wachstum, Margen, Währungen und Leistungsbilanzen in weiten Teilen Asiens.

Hinzu kommt die Marktpositionierung. In den vergangenen Monaten gab es eine breite Rotation nach dem Motto „Verkaufe USA, kaufe Asien“. Dadurch wurden Teile der Region stark überlaufen. Geopolitische Schocks führen häufig zu einer schnellen Auflösung solcher Positionierungen. Zudem ist der US-Aktienmarkt stärker in defensiven Sektoren wie Grundnahrungsmitteln und Versorgern engagiert, die in geopolitischen Krisen tendenziell widerstandsfähiger sind.

Inflationsrisiken

Das größte Inflationsrisiko des Konflikts liegt im Energiesektor. Öl gilt als einer der wichtigsten Treiber der globalen Inflation. Es wirkt sich direkt auf Kraftstoff- und Transportkosten aus und beeinflusst indirekt zahlreiche Industriegüter und Lieferketten. Ein anhaltender Ölpreisanstieg könnte daher relativ schnell zu höherer Güterinflation führen.

In den USA ist dies besonders relevant, weil die jüngsten Fortschritte bei der Inflation vor allem auf nachlassenden Druck im Dienstleistungssektor zurückzuführen sind, etwa bei Wohnkosten und Lohnwachstum. Diese Entwicklung ermöglichte den Märkten Erwartungen einer schrittweisen Lockerung der Geldpolitik durch die Federal Reserve.

Energiebedingte Inflation bleibt jedoch volatil. Steigende Ölpreise und eine wieder anziehende Güterinflation könnten den geldpolitischen Kurs der Fed erschweren und den Spielraum für Zinssenkungen in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 begrenzen.

Die Suche nach sicheren Häfen

Traditionelle sichere Häfen reagieren derzeit weniger eindeutig als in früheren geopolitischen Krisen. Gold hat im vergangenen Jahr erhebliche spekulative Kapitalzuflüsse erlebt und teilweise Eigenschaften eines momentumgetriebenen Vermögenswerts angenommen. Bei überfüllter Positionierung können selbst klassische Absicherungsinstrumente stärkere Schwankungen zeigen.

Auch der japanische Yen steht unter Druck. Innenpolitische Unsicherheiten, Fragen zur fiskalischen Entwicklung Japans sowie zum künftigen Kurs der Bank of Japan haben die Volatilität der Währung erhöht und ihre Rolle als zuverlässiger sicherer Hafen eingeschränkt.

Anleihen bleiben zwar ein wichtiges Instrument zur Absicherung gegen Rezessionsrisiken. Wenn der Konflikt jedoch vor allem über höhere Energiepreise wirkt, könnte er eher Inflationsängste auslösen als sofortiges schwächeres Wachstum. In einem solchen Umfeld bietet Duration nicht immer die erwartete Absicherung.

Diversifikation gewinnt an Bedeutung

Investoren bewegen sich derzeit in einem Umfeld ungewöhnlich hoher Unsicherheit – geopolitisch, technologisch und strukturell. Klassische Strategien erscheinen weniger zuverlässig, während echte sichere Häfen rar bleiben.

Reale Vermögenswerte wie Rohstoffe können in Szenarien mit länger anhaltenden Konflikten eine wichtige Rolle spielen. Sie dienen häufig als Inflationsschutz und haben sich bei angebotsbedingten Schocks historisch robust entwickelt. Gleichzeitig bleibt ein Anteil an Anleihen und Liquidität sinnvoll, falls höhere Energiepreise letztlich zu schwächerem Wachstum oder einer Rezession führen.

Bei Aktien bevorzugt Murray derzeit US-Small-Caps. Diese könnten in Phasen akuter Risikoaversion zwar kurzfristig unter Druck geraten, bieten jedoch relativ attraktive Bewertungen, stärkere Binnenmarktorientierung und profitieren potenziell von einem sich ausweitenden US-Konjunkturzyklus – vorausgesetzt, der Konflikt führt nicht zu einem länger anhaltenden Schock auf den Energiemärkten.

T. Rowe Price/IJ

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