Hormus und Ernährungssicherheit
Die Blockade der Straße von Hormus hat nicht nur Auswirkungen auf Energie- und Rohstoffmärkte. Sie könnte auch die globale Lebensmittelversorgung unter Druck setzen. Darauf weist Alexis Bienvenu von La Financière de l’Échiquier hin.
Über die Meerenge werden neben Öl und Gas auch große Mengen von Düngemitteln transportiert. Die seit mehreren Wochen andauernde Blockade könnte daher zeitverzögert zu Spannungen bei der Lebensmittelversorgung führen – mit möglichen politischen Folgen.
Düngemittel geraten ins Zentrum der Krise

Die Straße von Hormus ist ein wichtiger Transportweg für Stickstoff- und Phosphatdünger. Besonders betroffen könnten große Agrarwirtschaften wie Indien und Brasilien sein. Laut Analysen müssen etwa 54 % der indischen Stickstoffdüngerimporte sowie rund 45 % der brasilianischen Harnstoffimporte die Meerenge passieren. Auch Australien ist zu mehr als 70 % von Düngemitteln aus der Golfregion abhängig, gilt jedoch aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke als weniger anfällig.
Eine weitere Schlüsselrolle spielt Schwefel, ein Nebenprodukt der Erdölindustrie, der für die Herstellung von Schwefelsäure und damit für Phosphatdünger benötigt wird. Fast die Hälfte des weltweit verschifften Schwefels stammt aus den Golfstaaten. Engpässe bei diesem Rohstoff treffen wichtige Produzenten von Phosphatdüngern wie Marokko und China und können sich damit direkt auf deren Landwirtschaft und Exportmärkte auswirken.
Engpässe bei Schwefel treffen die globale Düngemittelproduktion
Die Auswirkungen reichen über einzelne Länder hinaus. Auch Industriestaaten sind von den globalen Lieferketten abhängig. Die USA beispielsweise zählen zu den bedeutenden Produzenten von Phosphatdünger, sind jedoch auf eine ausreichende Versorgung mit Schwefel angewiesen. Sinkende Erntemengen oder steigende Kosten für Düngemittel könnten daher weltweit Folgen haben.
Auch Europa könnte indirekt betroffen sein. Die EU importiert große Mengen Soja und Mais aus Brasilien, die unter anderem für die Viehfütterung benötigt werden. Wenn die landwirtschaftliche Produktion dort durch teurere oder knappe Düngemittel belastet wird, kann dies auch Auswirkungen auf europäische Lebensmittelmärkte haben.
Folgen reichen weit über betroffene Länder hinaus
Kurzfristig sei daher ein Krisenmanagement notwendig, um besonders betroffenen Ländern zu helfen und politische Unruhen zu vermeiden. Mittelfristig könnte eine Neuordnung der globalen Düngemittelversorgung notwendig werden – ähnlich wie sie Europa nach Beginn des Ukraine-Kriegs bei Öl und Gas umgesetzt hat. Die EU hat bereits ein Treffen anberaumt, um mögliche Lösungen für die aktuellen Düngemittelprobleme zu diskutieren.
Langfristig könnten strategische Reserven landwirtschaftlicher Inputstoffe sowie eine nachhaltigere Produktion von Stickstoffdüngern stärker in den Fokus rücken. Die Konflikte rund um die Ukraine und die Straße von Hormus zeigen laut Bienvenu, dass die strategische Bedeutung von Düngemitteln inzwischen mit jener fossiler Energieträger vergleichbar ist.
LFDE/IJ