GELD-Magazin, Juli/August 2022

D as Problem der Kalten Progression ist schmerzhaft bekannt: Die Brut- tolöhne der Arbeitnehmer und Pensionisten steigen mit den Preisen, die Steuerstufen werden aber nicht automa- tisch an die Inflation angepasst. Somit rutscht man in höhere Tarife und muss or- dentlich an den Finanzminister abliefern. Änderungen schon lange gefordert Das halten viele Wirtschaftsexperten für eine ungerechte Belastung. Dénes Kucsera, Ökonom bei Agenda Austria, kommentiert: „Würde man in Österreich die Tarifstufen und alle Absetz- und Freibeträge an die In- flation anpassen, wäre die kalte Progression gänzlich ausgemerzt. Schweden geht noch einen Schritt weiter: Dort ändert sich das Steuersystem nicht nur gemäß der Inflati- on, auch die Reallohnentwicklung wird be- rücksichtigt. So wird nicht nur die Kalte Progression eliminiert, sondern auch die Steuerbelastung gemessen am Einkommen konstant gehalten.“ Aber kehren wir zurück nach Österreich, die Regierung hat sich jetzt endlich in Bewegung gesetzt: Sie kün- digte die Installierung eines Inflationsbe- richts an. Nach diesem sollen Mehreinnah- men des Staates zu zwei Dritteln automa- tisch, zu einem Drittel „manuell“ (also in einem politischen Entscheidungsprozess) verteilt werden. Österreichische Lösung Dazu Kucsera kritisch: „Die Bundesregie- rung hätte die Kalte Progression komplett und automatisiert abschaffen sollen. Dazu müssten nur die Steuertarifstufen mit der Inflation mitwachsen. In der angekündigten Form handelt es sich dabei allerdings um eine typisch österreichische Lösung mit in- transparenter und komplizierter Durchfüh- rung: WIFO und IHS errechnen jährlich das Volumen der Kalten Progression. Zwei Drit- tel davon sollen automatisch nach Schwei- zer Vorbild zurückgegeben werden. Das letzte Drittel muss zwar auch an die Steuer- zahler zurückfließen, es obliegt aber dem Parlament, wie dies ausgestaltet wird. So besteht weiterhin die Gefahr, dass nicht alle Steuerzahler die Kalte Progression zur Gän- ze kompensiert bekommen.“ Auch andere Experten sehen die Regierungspläne nicht nur wohlwollend, wenn auch mit sehr un- terschiedlichem Ansatz. Oliver Picek, Chef- ökonom am Momentum Institut, meint: „Statt einer automatischen Inflationsanpas- sung des Steuersystems soll beim Über- schreiten eines Grenzwerts ein politischer Prozess gestartet werden.“ Dieser Wert könnte etwa im Bereich von fünf oder sie- ben Prozent liegen. Das bedeutet: Wird die Schwelle innerhalb zum Beispiel eines Jah- WIRTSCHAFT . Kalte Progression Knapp bei Kassa Die extreme Teuerungswelle macht den Österreichern zu schaffen. Die Bundesregierung hat nun ihre Pläne zur Bekämpfung von Inflation und Kalter Progression vorgestellt. Experten üben Lob und Tadel. HARALD KOLERUS Die Kalte Progression leert die Geldbörse – das soll sich jetzt ändern. Credits: beigestellt/Alexnder Müller; beigestellt/Archiv; photoschmidt/stock.adobe.com 16 . GELD-MAGAZIN – Juli/August 2022

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