GELD-Magazin, April 2020

Historische Tage Der größte Tagesgewinn, der größte Tagesverlust, die rasanteste Korrektur – seit 2008, seit 1987 oder seit den 1930er-Jahren. Es macht wenig Sinn, darüber Statistik zu führen. Wir alle haben zuletzt Neuland betreten – die Poli- tik, die Unternehmer, die Vermögensverwalter. Ein faktisch weitgehend synchroner Shut Down von we- sentlichen Teilen der Weltwirtschaft war in keinen Simulationen und Risikomodellen vorgesehen. Kommentare von selbsternannten „Hellsehern“, dass so eine Korrektur ohnehin kommen musste und Corona nur der Auslöser war, sind Teil unser Medienwelt – wenngleich entbehrlich. Wie kann es weitergehen? Einerseits … Der ökonomische Effekt der Corona-Krise ist seriös noch nicht berechenbar. Ob die Wirtschaftsleistung in diesen Monaten nun in Prozenten hoch einstellig oder doch tief zweistellig einbricht, wird sich weisen. Auch hier werden wir historisches Neuland betreten. Wenn Unternehmer nicht klar sagen kön- nen, wie der Gewinn 2020 ausfallen wird, sollten Börsianer mit der Verwendung von KGV-Kenn- zahlen vorsichtig sein und auch zugeben, nicht klar sagen zu können, ab wann der Aktienmarkt „billig“ ist. Diese Phase der Unsicherheit führt zu unkalku- lierbaren Tagesschwankungen. Wenn sich die Nebel aber lichten, wird die Börse – so wie immer – Unter- nehmen nicht nach dem Gewinn der kommenden drei Monate, sondern vielmehr nach dem Gewinn der kommenden drei oder fünf Jahre bewerten, was auch der einzig korrekte Zugang ist. Andererseits … Das Zusammenspiel der Notenbanken mit der Poli- tik ist auch historisch einzigartig. Allein die G20- Nationen haben im Laufe des März Unterstützungs- pakete in Höhe von etwa 5.000 Milliarden Dollar bekanntgegeben. Wo liegt die Grenze der Aktionen, die ein zur Wiederwahl anstehender US-Präsident gemeinsam mit der Notenbank entwickeln kann? „The sky is the limit.“ Und genau dies ist die tägliche Entscheidungs- zwickmühle für Anleger. Was gewichte ich höher? Das massiv negative makroökonomische Umfeld – oder doch die Unterstützungspakete und die Geld- schwemme? Ein Mittelweg … Führende Virologen, die Politik, die Unternehmer. Alle mussten ihre Aussagen im Laufe der letzten Wochen revidieren und dem neuen Wissensstand anpassen. Börsianer dürfen das auch. Und wenn so- wohl auf der Pro- als auch auf der Contra-Liste Ar- gumente stehen, kann auch ein Mittelweg die lo- gische Antwort sein. Die Aktienquote voll ausnüt- zen? Nein. Dazu ist die Bandbreite der möglichen Entwicklungen zu hoch. Den Aktienmarkt zur Gän- ze verlassen? Nein. Gerade, wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist der Morgen nahe. Sachwerte, wie eben Unternehmensbeteiligungen machen strate- gisch Sinn. Auch jetzt. Auch, wenn man sich mit Prognosen über eine „Welt nach Corona“ noch zu- rückhalten sollte. Eine These steht. Zinsen für spar- buchähnliche Veranlagungen werden wir in diesem Jahrzehnt wohl nicht mehr sehen. Viel wird auch über Vergleiche mit historischen Kri- sen geschrieben. Es gibt Parallelen, es gibt Unter- schiede. Staaten, Notenbanken und auch die klas- sischen Banken arbeiten aktuell nicht gegeneinan- der, sondern miteinander. Trotz vieler Detaildiskus- sionen ist dies ein Unterschied – vor allem zum Leh- man-Umfeld. Ein Unterschied, der auch Zuversicht gibt. www.3bg.at GASTBEITRAG . Alois Wögerbauer, 3 Banken Generali Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3 Banken-Generali FOTO: beigestellt Zur Person Alois Wögerbauer verfügt über eine Kapitalmarkterfahrung von mehr als 30 Jahren und ist Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment- Gesellschaft. Das Unternehmen verwaltet Kundengelder in Höhe von knapp 10 Milliarden Euro. April 2020 – GELD-MAGAZIN . 11

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