21. Juli 2022

Ukraine: Immense Kriegs-Schäden

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Mag. Harald Kolerus GELD-Magazin / Redakteur

Das menschliche Leid durch den Ukraine-Krieg kennt keine Grenzen. Aber auch der ökonomische Schaden ist enorm, weiß die Expertin Olga Pindyuk vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche.

Olga Pindyuk ist Ökonomin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche
Olga Pindyuk ist Ökonomin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche

In der Ukraine wird auch ein wirtschaftlicher Krieg ausgefochten:  Rund die Hälfte des BIPs des Landes ist bisher vernichtet worden. Der Wiederaufbau werde hunderte Milliarden Euro verschlingen, erklärt Olga Pindyuk dem GELD-Magazin. Sie wurde in der Ukraine geboren und studierte Ökonomie in Kiew. Heute ist sie Ukraine-Spezialistin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche.

Natürlich weiß niemand, wie lange der Krieg noch andauert. Aber haben Sie eine Einschätzung wie die Entwicklung weitergehen könnte?

Das ist von vielen schwer vorhersehbaren Faktoren abhängig. Klar ist jedenfalls: Die Ukraine ist auf Unterstützung vom Westen angewiesen, und zwar militärischer sowie finanzieller Art. Ohne diesen Support ist die Verteidigung nicht möglich. Derzeit scheint es so, als würde die Unterstützung anhalten bzw. sogar ausgebaut werden, etwa was die Lieferung schwerer Artillerie betrifft. Es gibt also viele Unsicherheiten, die den weiteren Kriegsverlauf schwer prognostizierbar machen, vor allem für Ökonomen.

Kann man abschätzen, wie groß der ökonomische Schaden für die Ukraine ist?

Bis Juni belief sich der direkte Verlust für die ukrainische Wirtschaft durch die Beschädigung und Zerstörung von Wohn- und Nichtwohngebäuden sowie Infrastruktur auf 103,9 Milliarden Dollar oder drei Billionen ukrainische Hrywnja. Das entspricht in etwa der Hälfte des BIPs des Landes. Seit Beginn des Krieges wurden mindestens 44,8 Millionen Quadratmeter Wohnfläche, 256 Unternehmen, 656 medizinische Einrichtungen, 1177 Bildungseinrichtungen, 668 Kindergärten, 198 Lagerhäuser, 20 Einkaufszentren und 28 Öldepots beschädigt, vernichtet oder beschlagnahmt. Diese Zahlen stammen vom KSE Institute, einem Think-Tank an der Kyiv School of Economics. Das sind die Ausmaße der bisherigen Zerstörung, durch die eingeschränkten ökonomischen Aktivitäten fallen die Kosten aber noch höher aus.

Können Sie das noch weiter ausführen?

Aufschlussreich sind die Ergebnisse der dritten Umfrage, die von der European Business Association unter Vertretern von KMU in der Ukraine durchgeführt wurde: 42 Prozent der Unternehmer haben im März nicht gearbeitet, 26 Prozent im April, jetzt sind nur noch 17 Prozent arbeitslos. Gleichzeitig stellen KMU fest, dass sich ihre finanzielle Widerstandsfähigkeit verschlechtert. Aktuell geben 34 Prozent an, dass ihre finanziellen Reserven für mehrere Monate reichen werden, zuvor 40 Prozent. Weitere zwölf Prozent haben Reserven für einen Monat und die anderen zwölf Prozent für sechs Monate. Nur fünf Prozent verfügen über ausreichende finanzielle Reserven für ein Jahr oder länger. Dementsprechend sind die Möglichkeiten der Mittelständler, ihre Mitarbeiter zu unterstützen, reduziert – die Situation bei der Zahlung von Gehältern an Mitarbeiter hat sich im letzten Monat leicht verschlechtert. Man kann sagen, dass jetzt rund die Hälfte der ukrainischen Wirtschaft nicht funktioniert.

Wenn der Krieg einmal beendet ist: Was wird der Wiederaufbau der Ukraine kosten?

Sehr, sehr viel Geld wird nötig sein, es könnte sich um mehrere hundert Milliarden Euro handeln. Ich meine, dazu sollte eine Initiative ähnlich dem Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg initiiert werden. Die dafür notwendigen Institutionen müssten erst geschaffen werden. Dabei handelt es sich allerdings um keine Einbahnstraße, gerade der Marshallplan hat gezeigt, dass unterstützende Länder und Unternehmen vom Wiederaufbau der Wirtschaft profitieren.

Credits: beigestellt; misu/stock.adobe.com

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Mag. Harald Kolerus GELD-Magazin / Redakteur

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