17. August 2022

Schulden über Schulden

KolerusHarald sw
Mag. Harald Kolerus GELD-Magazin / Redakteur

Die extreme Inflation zwingt europäische Staatschefs zum Handeln. Das kostet enormes Geld und lässt den Schuldenstand explodieren. Wie lange kann das noch gutgehen? Das GELD-Magazin fragte Gerhard Winzer, Chefvolkswirt der Erste Asset Management. 

Gerhard Winzer, Chef-Volkswirt bei der Erste Asset Management GmbH
Gerhard Winzer, Chef-Volkswirt bei der Erste Asset Management GmbH

Die Lebensmittel- und Energiepreise schießen in die Höhe, die EU-Länder steuern mit Deficit-Spending entgegen. Eine gefährliche Entwicklung? Winzer meint dazu: „Weltweit geht der Trend bei der Staatsverschuldung weiter nach oben. Die Entwicklung ist nicht günstig, das bedeutet aber nicht, dass eine Schuldenkrise kommen wird!“ 

Keine Schulden-Explosion

Er erklärt diese Einschätzung mit folgendem ökonomischen Prinzip: „Wenn die nominellen Zinsen unter dem nominellen Wirtschaftswachstum bleiben, verläuft die Dynamik nachhaltig. Soll heißen: Es kommt zu keiner Schulden-Explosion. Nur dann, wenn die Zinsen über dem Wachstum liegen, haben wir ein unmittelbares Problem.“ 

Diese Negativ-Konstellation sieht der Experte derzeit nicht: „Tatsächlich scheint so etwas wie eine Zinswende eingetreten zu sein, unser ‚Most-Like-Szenario‘ geht aber nicht von rasant steigenden Zinsen aus. Denn es ist wahrscheinlich, dass sich auf die lange Sicht die Inflation knapp über dem Ziel der EZB einpendeln wird.“ Was allerdings nicht bedeutet, dass alles eitel Wonne ist: „Dass die EZB im heurigen Juli mit dem Transmission Protection Instrument (TPI) ein neues ‚Werkzeug‘ erfunden hat, spricht dafür, dass die Schuldenproblematik sehr ernst genommen wird.“ (Das TPI ermächtigt die EZB gezielt und unbegrenzt Staatsanleihen einzelner Euro-Länder zu kaufen.)  

Notwendige Reformen

Tatsächlich würde die EU laut Winzer dringend Strukturreformen benötigen: „Das Problem ist, dass es in der Union keine effiziente, vergemeinschaftete Fiskalpolitik gibt. Im Gegensatz zu den USA, wo Geld von wirtschaftlich stärkeren in schwächere Regionen transferiert wird. Die Schwächen der Fiskalpolitik müssen in der EU von der EZB ausgebügelt werden. Es herrscht also Handlungsbedarf, aber bekanntlich tun Strukturreformen weh. In der aktuellen Situation – Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, hohe Inflation – liegt die Chance für Reformen praktisch bei null. Regierungen schrecken davor zurück populistischen Parteien noch zusätzliche Munition zu liefern.“    

KolerusHarald sw
Mag. Harald Kolerus GELD-Magazin / Redakteur

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