GELD-Magazin, Nr. 4/2026

Über ein Jahrzehnt lang schien die Schwerkraft der Ökonomie außer Kraft gesetzt, als Zentralbanken mit künstlich erzeugten Null- und Negativzinsen das Anhäufen von Schulden scheinbar kostenlos machten. Nicht nur Assetpreise, sondern auch die Politik profitierte überproportional von dieser neuen Ära des billigen Geldes und trieb die nationalstaatlichen Verbindlichkeiten rund um den Globus auf neue historische Höchststände. Was über Jahre ein vernachlässigbarer Haushaltsposten war, mutiert mit der Zinswende in einigen Ländern nun jedoch langsam zur fiskalischen Fessel. Der Schuldendienst explodiert, jährliche Zinszahlungen bewegen sich teilweise im zweistelligen Bereich relativ zu den laufenden Steuereinnahmen und verdrängen zunehmend produktive Ausgaben. Dieses Zinsdilemma trifft viele Staaten zu einer denkbar ungünstigen Zeit, wenn tatsächlich gewaltige Investitionen in Verteidigung, den demografischen Wandel, sowie Technologie- und Energiewende Budgets in naher Zukunft unweigerlich weiter belasten dürften. Risse im globalen Gefüge Dass diese Entwicklungen das System bereits erschüttern, betonen auch namhafte Investoren wie Ray Dalio, der bereits seit längerer Zeit einen Regimewechsel hin zur „fiskalischen Dominanz“ ortet. Weil Staatsausgaben und Schuldenstände astronomisch hoch sind, bestimmen Finanzministerien die Geldschöpfung und Marktbedingungen heute stärker als die Zentralbanken. Seiner Meinung nach entsteht Geld zunehmend nicht mehr durch klassische Bankkredite, sondern durch staatliche Schuldenexpansion. Auch in Europa treten diese Risse bereits offen zutage. Frankreichs Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen kletterten zuletzt über 4,1 Prozent und lagen damit erstmals über den Renditen vergleichbarer italienischer Papiere. Auch Großbritannien kämpft mit gravierenden Haushaltsnöten. Während Deutschland mit einer moderaten offiziellen Schuldenquote scheinbar solide dasteht, wird der Konsolidierungserfolg durch vernachlässigte Infrastruktur, schleppende Digitalisierung und verfehlte Energiepolitik teuer erkauft. Und auch in Österreich schränkt die steigende Zinslast die politiTeures Erbe der Niedrigzinspolitik Zur denkbar ungünstigsten Zeit setzen explodierende Refinanzierungskosten fiskalischen Spielräumen weltweit harte Grenzen. Warum das globale Schuldenregime wankt und worauf sich Anleger einstellen müssen. MORITZ SCHUH Credits: Word Economic Forum/Boris Baldinger; World Bank Group/Grant Ellis; EZB-Maurice Weiss/Ostkreuz „Aufgrund der hohen Verschuldung und Staatsausgaben üben die Finanzministerien mittlerweile einen größeren Einfluss auf die Geldmärkte und die Geldpolitik aus als die Zentralbanken – wir treten in eine Phase der fiskalischen Dominanz ein.“ Ray Dalio, Gründer von Bridgewater Associates BRENNPUNKT . Staatsverschuldung EZB-Präsidentin Christine Lagarde während der Sitzung des EZB-Rats am 10. September 2026 in Berlin. Der EZB-Rat beschloss eine Anhebung der Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent. 10 . GELD-MAGAZIN – Ausgabe Nr. 4/2026

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