Ursachenforschung. Die Botschaft des Autors Christopher Blattman ist grundsätzlich ermutigend: Kriege sind der Ausnahmezustand innerhalb der internationalen Beziehungen – friedliche Lösungen hingegen dominieren noch immer das Geschehen. Dass dennoch Kriege die Schlagzeilen beherrschen, liegt nicht zuletzt an der Medienlogik: Denn „bad news are god news“. Blattman selbst ist Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, der sich bereits seit Jahrzehnten mit den Themen Gewalt, Verbrechen und Armut beschäftigt. Der Professor an der Universität Chicago ist dabei aber kein reiner Theoretiker, der den Elfenbeinturm nicht verlässt, so hat er etwa die Dynamik von Bandenkriegen in Lateinamerika sowie den Aufstieg und Fall von Warlords in Afrika vor Ort analysiert. Eine Kernaussage des vorliegenden Buches lautet: Für Staaten, aber prinzipiell auch andere Gruppierungen (zum Beispiel Straßengangs) ist es effektiver, nicht zur Gewalt zu greifen, die zu menschlichen, ökonomischen und ökologischen Verlusten führt. Auch können kriegsführende Parteien an Macht verlieren oder gar entthront werden. Warum gibt es dann trotzdem Kriege? Weil Menschen ganz einfach nicht immer rational und logisch agieren. Der Autor macht dabei fünf Gründe für die Entstehung von gewalttätigen Auseinandersetzungen aus: Unkontrollierte Interessen; immaterielle Anreize; Ungewissheit; Selbstfindungsprobleme und letztlich Wahrnehmungsfehler. Wenn wir die Mechanismen verstehen, die die Menschheit immer wieder in Kriege rutschen lässt, sollte es auch möglich sein, es gar nicht so weit kommen zu lassen bzw. Kompromisse zu finden, um Kriege zu beenden. Das ist das optimistische Credo des vorliegenden Buches: Angesichts der angespannten Weltsituation zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer. Warum wir Kriege führen Christopher Blattman. Verlag: Ch.Links. 544 Seiten. ISBN: 978-3-96289-189-3 BUCHTIPPS . Neuerscheinungen & Pflichtlektüre Credits: beigestellt Weltherrschaft. Es lohnt sich doch immer wieder einmal, im Bücherregal zu stöbern und ein Werk herauszukramen, das schon einige Semester auf dem Buckel hat. So wie bei „Imperien“ von Herfried Münkler, das bereits vor über 20 Jahren zum ersten Mal aufgelegt worden ist. Das Buch kann man somit als „alt“, aber keinesfalls als „veraltet“ bezeichnen. So liest man hier zum Beispiel: „Imperien, glaubte man in Europa bis vor kurzem, seien Relikte der Vergangenheit. Umso bestürzter waren die Europäer, als die USA ihre Vormachtstellung offen demonstrierten – ratlos nahm man die Wiederkehr des tot geglaubten ,Imperialismus‘ zur Kenntnis.“ Das sind Zeilen, die auch vor wenigen Wochen erst geschrieben hätten werden können – erschreckend aktuell. Aber was sind eigentlich die Charakteristika von Imperien? Bei der Beantwortung dieser Frage lädt der Autor zu einem Streifzug durch die Geschichte ein: Im alten China, im Imperium Romanum, im Reich der Mongolen und der russischen Zaren, im portugiesischen, spanischen oder britischen Weltreich – überall herrschten andere Bedingungen. Die grundlegenden Prinzipien der Machtentfaltung und -erhaltung aber gelten noch heute. Wichtig dabei: Ein Imperium, das bei Konflikten innerhalb seiner „Welt“ (seiner Einfluss-Sphäre) oder an deren Peripherie fortgesetzt neutral bleibt, verliert stückweise seinen imperialen Status. Somit stehen Imperien und in etwas abgeschwächter Form auch Hegemonialmächte unter permanentem Interventionszwang. Münkler zieht daraus Schlüsse, die ebenfalls heute noch Geltung haben: Europa muss sich gegenüber den Vereinigten Staaten als „Subzentrum“ des imperialen Raums behaupten, ansonsten droht der Abfall zu einem unbedeutenden Player in der Peripherie. Imperien Herfried Münkler. Verlag: Rowohlt. 336 Seiten. ISBN: 978-3-644-11821-8 74 . GELD-MAGAZIN – Ausgabe Nr. 1/2026
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