Der Aufholprozess europäischer Aktien gegenüber den deutlich höher bewerteten US-Titeln ist weiterhin intakt und dürfte auch 2026 für eine währungsbereinigte Outperformance sorgen. Karsten Junius, Chief Economist bei der Schweizer Privatbank J. Safra Sarasin, hat für Investoren klare Handlungsempfehlungen parat. „Wir haben aktuell Aktien gegenüber Anleihen übergewichtet und zuletzt Schwellenländeraktien höher gewichtet. Wir erwarten ein stabiles Wachstum der Weltwirtschaft, das angetrieben von starken Investitionen in KI-Infrastruktur und fiskalischen Impulsen in den USA, Japan und dem Euroraum nur geringe Rezessionsgefahren zeigt. Die Unternehmensgewinne sollten in diesem Umfeld weiter ansteigen.“ Darauf folgt jedoch gleich eine Warnung: „Aufgrund der bereits hohen Bewertungen gehen wir allerdings auch davon aus, dass die Kurssteigerungen deutlich hinter denen des letzten Jahres zurückbleiben werden“, so Junius. „Im Aktienbereich favorisieren wir den Gesundheitssektor aufgrund der günstigen Bewertungen, zyklische Sektoren wie Industrie und konsumnahe Titel aufgrund des von uns erwarteten Konjunkturaufschwungs als Folge der genannten fiskalischen Impulse und eines KI-getriebenen Produktivitätsanstiegs. Im Bereich Commodities halten wir zwei Arten von Rohstoffen für attraktiv. Strategische Rohstoffe, die für neue Technologien wichtig sind, sowie Gold. Gold ist trotz der hohen Preise weiterhin attraktiv, da wir davon ausgehen, dass viele Anleger weiterhin ihre Dollarrisiken etwas diversifizieren werden.“ Doch Junius sieht auch Gefahren am Horizont. „Manche Investoren könnten das Risiko weiter steigender Renditen am langen Ende der Zinsstrukturkurve – also bei langlaufenden Anleihen – unterschätzen. Die Fiskalpolitik ist in einigen Ländern nicht nachhaltig und steigende Renditen wären auch für andere Vermögensklassen wie Aktien oder Immobilien eine Gefahr.“ Dabei handle es sich allerdings nicht um ein globales Risiko. Besondere Opportunitäten könnten sich weiterhin diesseits des Atlantiks eröffnen. „Europäische Aktien sind trotz der Kursgewinne nach wie vor relativ günstig bewertet und könnten in einem kommenden Konjunkturaufschwung stärker profitieren als etwa die teureren USTitel.“ Ähnliches gelte auch für die Aktien vieler Emerging-Markets in Asien und Lateinamerika. Die große Ära der Tech-Aktien dürfte sich langsam, aber sicher der Endphase zuneigen. Die breite Wirtschaft jedoch sollte positiv vom KI-Produktivitätsschub profitieren. Sebastian Lewis, Senior Strategist bei Vanguard, legt gleich mit einer ernsten Warnung los. „Unser Research zeigt, dass Einjahres-Marktprognosen erheblicher Zufälligkeit unterliegen. Wir raten Anlegern dringend davon ab, auf derartige Vorhersagen zu vertrauen.“ Lewis meint daher: „Unsere fundiertesten Einschätzungen liegen im Zehnjahresbereich. Für einen in Euro rechnenden Anleger weisen diese darauf hin, dass das beste Risiko-Rendite-Verhältnis bei globalen Aktien außerhalb des Euroraums zu finden ist. Im Anleihebereich prognostiziert Vanguard das attraktivste Zehnjahres‑Potenzial bei in Euro abgesicherten Staatsanleihen aus Schwellenländern. Langfristig spielt bei Aktien die Bewertung die größte Rolle. Unser Ausblick ist daher positiver für US‑Value‑Aktien sowie für Aktien der entwickelten Märkte außerhalb der USA. Besonders vorsichtig sind wir gegenüber wachstumsstarken, technologielastigen US‑Aktien, die in den vergangenen Jahren nahezu alle anderen Anlageformen weit übertroffen haben. Was den viel zitierten KI-Boom anbelangt, legt die Forschung unseres Chefökonomen Joe Davis nahe, dass die breitere Durchdringung von KI noch nicht vollständig eingepreist ist – insbesondere bei US‑Value‑Aktien. Joe vergleicht KI mit der Einführung von Elektrizität oder dem PC und sieht deutliche positive Effekte. Denn KI kann den Arbeitsmarkt transformieren und die Produktivität steigern. Die außergewöhnlich starke Rolle von KI‑Investitionen bei der Wachstumsdynamik stellt 2026 den zentralen Risikofaktor dar. Die laufende Welle KI‑getriebener physischer Investitionen dürfte eine ähnlich starke Kraft entfalten wie frühere Phasen großer Investitionsschübe – etwa beim Ausbau des Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert oder dem Infrastrukturboom in den IT‑ und Telekomsektoren der späten 1990er-Jahre. Dieser Investitionszyklus ist noch im Gange und stützt unsere Einschätzung, dass die US‑Wirtschaft in den kommenden fünf Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 60 Prozent ein reales Wachstum von 3,0 Prozent erreichen könnte – deutlich über den Prognosen der meisten Experten und Zentralbanken. Davon würden die ‚Old Economy‘ und mit ihr viele Aktien abseits des Technologiesektors profitieren.“ EUROPA . Weiteres Aufholpotenzial in der Pipeline KÜNSTLICHE INTELLIGENZ . Jetzt kommt die Zeit der neuen „Old Economy“ „Die Bewertungslücke zwischen US- und europäischen Aktien hat sich noch lange nicht geschlossen.“ Karsten Junius, Chief Economist bei J. Safra Sarasin „Ein KI-getriebener Produktivitätsschub könnte die US-Wirtschaft deutlich stärker wachsen lassen als erwartet.“ Sebastian Lewis, Senior Strategist, Advisory Research Centre, Vanguard Europe Ausgabe Nr. 1/2026 – GELD-MAGAZIN . 27
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