GELD-Magazin, Oktober 2021

Keine Science Fiction. Werfen wir einen Blick zurück: Noch nicht ewig lange her, so in den 1980ern, waren vie- len Normalverbrauchern hochleistungsfähige Computer eher nur vom Hörensagen bekannt. Besser gesagt aus utopischen Romanen oder der Science Fiction-Literatur. Die Rede war oft vom „Blechtrottel“. Davon ist jetzt keine Spur mehr: Heute tragen wir alle Mini-Computer plus In- ternetanschluss (vulgo Smartphone) in unserer Jacken- tasche herum. Computer schlagen den Menschen in hochkomplexen Spielen wie Schach oder Go, steuern Au- tos etc. Es stellt sich die Frage: Wie weit kann das noch gehen? Und vor allem: Wie weit wollen wir gehen? Die- ser Thematik ist Ralf Otte, Professor für Industrieauto- matisierung und Künstliche Intelligenz (KI), in diesem Buch nachgegangen. Er führt aus, dass sich KI von Soft- warelösungen hin zu einer dem Gehirn nachempfunde­ nen Hardware entwickelt. Im Fachjargon „neuromorphe Computer“ genannt. „Unser Dilemma: Wir öffnen damit auch die Tür zu einer noch gefährlicheren Verschmel- zung von Mensch und Maschine. Überschreiten wir die Grenze zum Maschinenbewusstsein aber nicht, wird Europa als Industriegemeinschaft in Zukunft keine Rolle mehr spielen“, so seine Einschätzung. Es gilt also, Risiken und Chancen gegeneinander abzuwägen. Otte: „Die größte Chance von Maschinenbewusstsein liegt aus mei- ner Sicht in der Weiterentwicklung von uns selbst. Aber nicht im Sinne eines Transhumanismus, sondern im Ge- genteil dazu in der Emanzipation gegenüber der Technik, in der Erkennung der Großartigkeit des menschlichen Bewusstseins.“ Maschinenbewusstsein Ralf Otte. Verlag: Campus. 245 Seiten. ISBN: 978-3-593-51470-3 BUCHTIPPS . Neuerscheinungen & Pflichtlektüre Credits: beigestellt Traurige Aktualität. Das klägliche Scheitern des We- stens in Afghanistan wurde durch drastische Bilder vom chaotischen Abzug und menschlicher Dramatik rund um den Flughafen von Kabul dokumentiert. Aber natürlich reicht die Geschichte viel weiter zurück: Mit der Opera­ tion Enduring Freedom begann am 7. Oktober 2001 der „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan, der bis dato zum längsten Krieg der USA und ihrer Verbündeten ge- worden ist. Der renommierte (unter anderem mit dem Concordia-Preis für Menschenrechte ausgezeichnete) Journalist und Nahost-Spezialist Emran Feroz beschreibt zum 20. Jahrestag diesen Krieg nun aus afghanischer Perspektive. Für „Der längste Krieg“ hat er mit vielen Menschen vor Ort gesprochen: Mit notleidenden Bür- gern, aber auch mit Taliban-Offiziellen. Sein Fazit fällt sehr scharf aus, so spricht er etwa von einem neokoloni- alen „Kreuzzug“, verbunden mit Drohnenkrieg und Fol- ter. Somit ist das vorliegende Buch mehr als eine neu- trale Bestandsaufnahme, nämlich eine feurige Anklage- schrift. Das Scherbengericht umfasst auch die „Mär von der Frauenbefreiung“, wie es Feroz formuliert. Es sei den westlichen Mächten nie um die Rechte der afghanischen Frauen gegangen, sondern lediglich um ihre Eigeninte- ressen: „Diese wurden in erster Linie nicht von Frauen bedient, sondern von brutalen Warlords und Menschen- rechtsverbrechern, die in Sachen Frauenrechte den Tali- ban und anderen extremistischen Akteuren in nichts nachstanden.“ Hinweis: Das Buch ist noch vor Abzug der Truppen publiziert worden, hat aber dennoch traurige Aktualität. Der längste Krieg Emran Feroz. Verlag: Westend. 176 Seiten. ISBN: 978-3-86489-328-5 74 . GELD-MAGAZIN – Oktober 2021

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