GELD-Magazin, September 2021

September 2021 – GELD-MAGAZIN . 9 Aversion der EZB vor einer Reduzierung der Anleihenkäufe und noch viel mehr vor einer Zinsanhebung nachvollziehbar. USA sind wesentlich flexibler In den USA ticken die Uhren etwas anders. Die Fed reagierte in der Finanzkrise 2008 um einiges beherzter, was zu einer relativ raschen Erholung der Wirtschaft führte. 2016 begann sie sogar, während Europa noch mit den Nachwirkungen der Eurokrise zu kämpfen hatte, die Leitzinsen wieder an- zuheben, die ihren Höhepunkt im Mai/Juni 2019 bei 2,25 bis 2,50 Prozent fanden. Mit Beginn der Corona-Pandemie (März 2020) wurden diese jedoch rasch wieder auf null bis 0,25 Prozent reduziert und um 120 Milli- arden Dollar pro Monat Anleihen gekauft – davon 40 Milliarden Dollar an Hypotheken- papieren. Als fiskaler Stimulus wurde unter anderem sogenanntes Helikoptergeld einge- setzt – d.h., es wurden mehrmals Unterstüt- zungsgelder direkt an die Bevölkerung über- wiesen. Insgesamt machten in den USA die Hilfspakete rund 16 Prozent des gesamten BIP aus – im Gegenzug wird die Staatsver- schuldung bis 2022 auf rund 115 Prozent des BIP gestiegen sein. Angesichts der beherzten Ausgaben verwun- dert es nicht, dass in den USA die Inflation nun wesentlich stärker angesprungen ist als in Europa und in den letzten drei Monaten 5,4 Prozent ausmachte. Theoretisch hätte die Fed bereits ihr Anleihenkaufprogramm zurückfahren und die Zinsen erhöhen müs- sen (siehe „idealer“ Leitzins nach der Taylor- Regel im Kasten rechts), jedoch hat sie im Gegensatz zur EZB neben der Verantwor- tung für die Geldwertstabilität auch eine für die Beschäftigungslage. Deshalb werden in den USA die Arbeitsmarktdaten wesentlich wichtiger genommen als bei uns in Europa. Die Arbeitslosenrate hat sich zwar mit 5,4 Prozent (Juli 2021) wieder stark verbessert, liegt jedoch noch um einiges von der Defini- tion einer Vollbeschäftigung bei einer Rate von rund 3,5 Prozent weit entfernt. Opium für die Finanzmärkte Die von Krise zu Krise ständig wachsenden Zentralbankbilanzen zeigen deutlich, wie abhängig die Wirtschaft von deren Zuwen- dungen und kreativen Sondertöpfen (ESM, Wiederaufbaufonds, etc.) geworden ist. In der Eurozone überstiegen die Staatsschul- den im August die 100-Prozent-Marke. Im Gegenzug müssen Sparer und zum Teil An- leger im Fixzinsbereich seit Jahren real ne- gative Renditen in Kauf nehmen. Was der Gläubiger Leid ist, ist aber auf der anderen Seite des Anlegers Freude. Die Null- bzw. Negativzinspolitik trieb bunte Blüten, die Aktien- und Immobilieninvestoren nicht un- gelegen kamen und kommen: z.T. extreme Steigerungen (Inflation) bei den Assetprei- sen, was in der Spitze dazu führte, dass in den USA die Immobilienpreise alleine in den vergangenen zwölf Monaten um 16 Prozent gestiegen sind, während die Löhne um nur drei Prozent zulegten. Auch die Schweizer Nationalbank warnte vor kurzem wieder vor Übertreibungen in den Immobilienmärkten. Die Aktienindizes haben sich seit der Krise wieder mehr als verdoppelt. Fed startet das Tapering Mit der Normalisierung der wirtschaftlichen Entwicklung ist es nun an der Zeit, dass die Zentralbanken ihre „Notprogramme“ zu- rückfahren, um eine Überhitzung – sprich: zu hohe Inflation – zu vermeiden. In den USA ist die Wirtschaft im zweiten Quar- „Bis Jahresende könnte die Inflation in Deutschland auf rund fünf Prozent steigen – vor allem aber durch vorübergehende Effekte.“ Jens Weidmann, Chef der Bundesbank und Mitglied des EZB-Rates „Die Eurozone ist auf einem guten Weg, aber wir haben die Krise noch nicht vollständig überwunden.“ Christine Lagarde, EZB-Chefin „Es könnte ange­ messen sein, die Quantitative Locke­ rung zu reduzieren, wenn die Wirtschaft substanziellen Fort­ schritt macht.“ Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed Taylor-Regel Die Taylor-Regel wurde von John Taylor, Professor für Ökonomie an der Stanford Universität, entworfen und gilt als lang erprobte Regel zur Berechnung des Zielwertes der Fed-Fund-Rates (US- Leitzinsen) in Abhängigkeit von der Differenz zwischen der tatsächlichen und der angestrebten Inflation. Nimmt man nun die Inflationsrate der letzten vier Quartale von rund vier Prozent, die BIP-Lücke (Differenz zwischen BIP und seinem Potential) von etwa minus zwei Prozent im zweiten Quartal 2021, und eine Zielinflationsrate von zwei Prozent, erhält man einen angemessenen Leit- zins von etwa fünf Prozent. Selbst unter der Annahme, dass die Inflation bis Jahresende auf zwei Prozent sinkt und die Wirtschaftsleistung ihr Potential er- reicht, sollten die Fed-Fund-Rates noch immer etwa drei Prozent betragen. Tatsächlich liegen die Zinsen von US- Staatspapieren mit 0,81 Prozent (5 Jah- re) und 1,35 Prozent (10 Jahre) deutlich unter den von der Taylor-Regel emp- fohlenen Zinssätzen. Taylor rät daher zu einer möglichst raschen Rückkehr der Fed zu einer geldpolitischen Regel, um einen reibungslosen Aufschwung zu erzielen.

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