GELD-Magazin, Dezember 2020 / Jänner 2021

ZUR PERSON Karim El-Gawhary wurde 1963 in Mün- chen geboren und studierte an der FU Ber- lin Islamwissenschaften und Politik mit dem Schwerpunkt Nahost. Seit Mai 2004 leitet er das ORF-Büro in Kairo und betreut von dort den gesamten arabischen Raum. Seit 1991 arbeitet er auch als Nahost-Kor- respondent für verschiedene deutschspra- chige Zeitungen, darunter „Die Presse“, „taz“ oder den „Bonner Generalanzeiger“. El-Gawhary ist außerdem erfolgreicher Buchautor. Sein neuestes Werk „Repressi- on und Rebellion“ wird in diesem GELD- Magazin auf Seite 82 vorgestellt. giöse Brille“ zu erklären. Klar ist, dass die Region von einer sehr jungen Bevölkerung geprägt wird: 60 Prozent der Bürger sind unter 30 Jahre alt. Wobei sehr viele Men- schen in der Arabischen Welt meinen, dass die Religion eine zu große Rolle in der Ge- sellschaft spielt. Und Umfragen zufolge sa- gen rund 80 Prozent, dass religiöse Institu- tionen reformiert werden müssten. Soziale Identität wird somit zunehmend wichtiger als religiöse Identität. Wie sieht nun das Resümee nach zehn Jahren arabischer Revolution aus? Ich war 2011 in Ägypten, als der Langzeit- diktator Mubarak gestürzt worden ist. Alle dachten damals: Die Arabische Welt wird friedlicher werden. Das war eine Fehlein- schätzung. Die arabischen Autokraten ha- ben Veränderungen nicht zugelassen und die Protestbewegungen brutal unterdrückt. Es wird also versucht, das Rad der Zeit zu- rückzudrehen. Die Folgen sind offensicht- lich, etwa der Bürgerkrieg in Syrien und das Chaos in Libyen. Wobei hinzukommt, dass diese Autokraten untereinander gut zusam- menarbeiten. In den letzten zehn Jahren haben wir somit eben einen Wettlauf zwi- schen Rebellion und Repression gesehen. Einen Wettkampf zwischen denen, die ihre Macht zu verlieren haben – und denen, die gar nichts mehr zu verlieren haben. Sie nennen aber auch positive Beispiele, etwa Tunesien. Was läuft dort besser? Der Erfolg einer Revolution hängt auch da- von ab, wie fest ein Regime im Sattel sitzt, wobei Öl-Milliarden für die Machterhaltung natürlich dienlich sind. Die sind in Tunesien im Vergleich zu den Golf-Staaten nicht vor- handen. Die Revolution hat in Tunesien aber auch besser geklappt, weil hier bereits starke Institutionen vorhanden waren: Zum Beispiel Gewerkschaften, Berufs- und Frau- enverbände. Soll eine Protestbewegung zu Erfolgen führen, benötigt man einen langen Atmen: Es wäre naiv zu glauben, dass es reicht, wenn man einige Wochen auf die Straßen geht und einen Autokraten stürzt. Solide Institutionen müssen die Führung übernehmen. Wie wird es nun in Nahost weitergehen? Es wäre sehr verwegen, hier exakte Progno- sen erstellen zu wollen. Man kann aber mit Sicherheit sagen, dass die Situation alles andere als nachhaltig ist: Große Armut, ex- treme Ungleichheit sowie Machtlosigkeit der Bevölkerung prägen das Bild und sind der Nährboden für Konflikte. Sie müssen sich vorstellen: Zum Beispiel in Ägypten muss ein Drittel der Bevölkerung mit durch- schnittlich 1,3 Euro pro Tag auskommen. Zusätzlich hat die Covid-19-Pandemie die allgemeine Lage verschärft und Ungleich- heit sowie Armut in Nahost weiter anstei- gen lassen. Es herrscht somit vielerorts ein Gefühl der Machtlosigkeit. Für mich erge- ben sich vier Optionen für die weitere Ent- wicklung. Erstens: Resignation, der sich tat- sächliche sehr viele Menschen hingeben. Zweitens: Militanz und Terrorismus. Drit- tens: Flüchtlingsbewegungen. Und Viertens das Erklimmen der Barrikaden. Letzteres werden wir noch viel häufiger sehen, ob diese Protestbewegungen blutig oder eher friedlich verlaufen werden, lässt sich dabei nicht sagen. Jedenfalls glaube ich, dass alle vier genannten Optionen gleichzeitig pas- sieren werden; wir werden also noch sehr viel Unruhe in der Arabischen Welt sehen. Wie könnte Europa zu einer Verbesse- rung der Situation beitragen? Zunächst muss man sagen, dass der Ein- fluss Europas in Nahost begrenzt ist und die wahren Veränderungen aus der Region selbst kommen müssen. Jedenfalls sollte Europa versuchen, die Arabische Welt nicht mit der „religiösen Brille“ erklären zu wol- len. Die Rechnung: „Arabien ist gleich Islam“ geht nicht auf. Und der Versuch, die Span- nungen in Nahost alleine auf die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten zurückzu- führen, halte ich für Unsinn. Vielmehr geht es um einen knallharten Machtkampf zwi- schen den Staaten in der Region, etwa dem Iran, Saudiarabien und der Türkei. Was Eur- opa jedenfalls machen sollte: Aufzuhören, die Autokraten in Nahost bedingungslos zu hofieren. https://twitter.com/Gawhary Europa sollte aufhören, die Autokraten in Nahost bedingungslos zu hofieren. Jänner 2021 – GELD-MAGAZIN . 17

RkJQdWJsaXNoZXIy MzgxOTU=