GELD-Magazin, Oktober 2020

AKTIEN . Österreich D ie Wirtschaft erholt sich lang- sam, der Alltag muss trotz lo- kaler Einschränkungen einfach weitergehen. Während einige Branchen noch stark unter Druck stehen, wie z.B. Tourismus, Gastronomie, Veranstal- tungsbereiche etc., ist in anderen von Krise weit weniger zu spüren. Das spiegeln etwa die Ergebnisentwicklungen von Agrana, Wienerberger oder auch Telekom Austria wider. Langsam konvergieren die Gewinn- schätzungen der Analysten zu den einzelnen Unternehmen, was auf eine bessere Visibili- tät schließen lässt. Interessantes Rechenspiel Nun wird an der Börse die Zukunft gehan- delt, was die interessante Frage aufwirft: Wie stark wird der längerfristige Impact auf die einzelnen Unternehmen gesehen? – das ist an den Gewinnschätzungen für das kom- mende Jahr abzulesen. Und nun die Frage: Wie verhielt sich der Aktienkurs im Ver- gleich dazu seither? – also ausgehend vom Vor-Corona-Niveau. Dieser Vergleich zeigt z.T. überraschende Abweichungen auf. So reduzierte sich beispielsweise die Gewinn- schätzung bei der Immofinanz für 2021 von rund 220 auf derzeit 185 Millionen Euro, also um etwa 14 Prozent, der Aktienkurs gab jedoch seit Jahresbeginn um 44 Prozent nach. Also, entweder schätzen die Analysten den Gewinn im kommenden Jahr zu positiv ein oder das Sentiment gegenüber der Im- mofinanz ist zu negativ – was ein deutliches Kurspotenzial bieten würde. Interessanter- weise sind diese Abweichungen relativ bran- chenspezifisch. So wurde z.B. bei der CA Immo die Gewinnerwartung für 2021 sogar um 12 Prozent auf rund 250 Millionen Euro angehoben, der Kurs liegt hingegen im Ver- gleich zum Jahresbeginn um 32 Prozent tief- er. Auch ein Kaufkandidat. Abgesehen da- von, dass der Kurs der CA Immo mit aktuell 24,85 Euro um 23,5 Prozent unter dem Buchwert von rund 32,50 Euro je Aktie liegt – und noch um einiges weiter unter ihrem Ertragswert. Um kurz auf die Immofinanz zurückzukommen – auch hier liegt der Buchwert je Aktie von rund 27 Euro (bereits um die Zeit der Kapitalerhöhung und der Begebung der Wandelanleihe verwässert ge- rechnet) um gut 50 Prozent und damit deut- lich über dem aktuellen Kurs von 13,20 Euro. Ein gutes Zeichen bei der Immofinanz ist auch, dass Großaktionär Ronny Pecik lau- fend Aktien zukauft. Banken ebenfalls zu negativ beurteilt Bei den Banken und Versicherungen sieht die Situation ähnlich aus. Nehmen wir z.B. die Erste Group Bank: Hier wurden die Ge- winnschätzungen seit Jahresbeginn für 2021 um rund 35 Prozent reduziert, der Kurs hat im selben Zeitraum um 47 Prozent nachgegeben. Die Aktie notiert bei ziemlich exakt dem halben Buchwert. Ebenfalls ein Kaufkandidat. Bei der Raiffeisen Bank Inter- national ist das Verhältnis ähnlich: eine Re- Negatives Sentiment Der Gewinn liegt im Einkauf. Deshalb kann man die niedrigen Aktienkurse durchaus auch willkommen heißen.Voraussetzung für solide Investments sind solvente Unternehmen mit plausiblem Erholungspotenzial. MARIO FRANZIN Noch im Korrekturmodus. Der ATX scheint noch keinen Boden zu finden. Am 23. Sep- tember unterschritt er das Tief von Ende Juli (bei 2.123 Punkten). Obwohl dies ein Zei- chen der Schwäche ist, war es wiederum tröstlich, dass dadurch kein stärkerer Ver- kaufsdruck getriggert wurde. Aufgrund zur Zeit fehlenden positiver Impulse dürfte es noch weiter volatil seitwärts gehen. ATX-INDEX . Schwache Performance duktion der Gewinnerwartung für 2021 um 35 Prozent und ein Kursminus von 42 Pro- zent – beim Buchwert-Abschlag trägt die RBI hingegen sogar die Rote Laterne. Der Buchwert liegt um knapp 180 Prozent über dem aktuellen Börsenkurs. Diese Diskre- panzen lassen sich z.T. auf die gestrichenen Dividenden zurückführen (was bei der zu- vor erwähnten CA Immo aber gar nicht der Fall ist). Weist man diesem Umstand den- noch eine Rolle zu, so sollte man auch be- rücksichtigen, dass dieser Effekt mit Sicher- heit nur temporär ist. Zum Thema Versiche- rungsaktien siehe Vienna Insurance Group im Kasten rechts. Semperit als Highflyer Bei Semperit wandelte sich das Umfeld in- folge der Coronakrise um 180 Grad. Aus der aufgrund von Preisdruck und veralteter Pro- duktion notleidenden Medizinsparte wurde durch die sprunghaft angestiegene Nachfra- ge nach Hygiene-Handschuhen ein Bomben- geschäft. Der Aktienkurs stieg seit Jahresbe- ginn um mehr als 62 Prozent, die Gewinn- schätzungen für das laufende Jahr sprangen um das Fünffache auf rund 75 Millionen Euro. Aber bereits im Halbjahresbericht Indexpunkte Jän. Feb. März April Mai Juni Juli Aug. Sep. 2.200 2.000 1.800 1.600 2.800 2.600 2.400 3.000 3.200 62 . GELD-MAGAZIN – Oktober 2020

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